Kategorie: Allgemein

  • Alles ist verbunden

    Alles ist verbunden

    Samstag, 14. Juli 2018, 16.18 Uhr

    Alles ist verbunden

    Ich bin ja schon immer davon überzeugt gewesen – alles hängt mit allem zusammen und man kann, wenn man die Welt mit Neugierde und Begeisterung betrachtet, überall etwas lernen. Und das dann oft ganz wo anders anwenden. Manchmal funktioniert das sogar erstaunlich gut.

    Für Steve Jobs, dem Schulabbrecher, war etwa der chinesische Kalligraphie-Kurs, den er an der Uni mithörte ohne eingeschrieben zu sein eine der wichtigsten Erfahrungen. Er lernte dort, wie groß die Bedeutung von Schönheit und Genauigkeit in einer Kultur sein kann. Später, beim Apple achtete er deshalb genauestens auf das optische Erscheinungsbild von Gerät, Schrift, Symbolen etc. – und revolutionierte damit den Markt der „grauen Kästen“.

    Ich nenne diese Art zu lernen „latentes Lernen“, „beiläufiges Lernen“, weil sie nicht zielgerichtet ist. Und ich glaube, dass sie den größten Teil des Lernens ausmacht. Bei mir jedenfalls ist es eigentlich immer genau so: Kaum „muss“ ich etwas lernen, habe ich dazu keine Lust mehr, und es fällt mir schwer es mir zu merken. Finde ich dagegen etwas beiläufig, in einem interessanten Artikel, Vortrag oder schnappe es irgendwo auf, dann kann ich mich dafür sehr begeistern, vor allem wenn ich damit eine Verbindung, eine Assoziation herstellen kann.

    Das Ergebnis ist am Anfang nicht absehbar. Es kann aber erstaunliche Folgen haben.

    Bei mir sah es so aus: Mir fiel es sehr schwer, mich für ein Fach hinzusetzen und Dinge auswendig zu lernen. Oder überhaupt eine Entscheidung zu treffen, was ich lernen oder einmal werden sollte. Mir war dagegen immer klar, dass ich gerne gelesen habe (aber nur, wenn es freiwillig war!), und dass ich gerne gereist bin (aber nur, wenn es keinen Zweck, kein Ziel verfolgte).

    Das führte dann dazu, dass meine Hauptmotivation mich anzustrengen darin bestand, die nächste Reise machen zu können. Und dafür wiederum musste ich die Schule, die Prüfungen an der Uni hinbekommen und nebenher noch Geld verdienen. Und um noch keine Entscheidung treffen zu müssen, was ich einmal machen sollte, begann ich nach der Schule erst einmal zu reisen.

    Und dann Zivildienst zu machen, denn ich wollte nicht zur Bundeswehr, das war mir klar. Danach wusste ich dann, dass ich studieren wollte. Denn nach Arbeit in der Fabrik (um das Geld für die erste Reise zu verdienen) und beim Zivildienst im Pflegedienst im Krankenhaus und in der Betreuung von Schwerstbehinderten war mir klar – das geht auf Dauer gar nicht. Also auf jeden Fall studieren.

    Da erschien Medizin geeignet, es dauert ewig und Reisen und Medizin passt gut zusammen, so dachte ich mir. Was ich damit einmal machen wollte blieb mir selbst ein Rätsel, das ich gut verdrängte.

    Vor allem motivierte das Reisen mich weiterzumachen, denn so schien es mir, mit nichts bekommt man mehr Anerkennung denn als Medizinstudent auf Reisen.

    Überall war man willkommen, und so wurden es lange Reisen – ein halbes Jahr auf dem Landweg durch Afrika, ein halbes Jahr auf dem Landweg nach Indien, ein halbes Jahr durch Mittel- und Südamerika. Und mein Studium dauerte ewig, fast 10 Jahre.

    Dort, unterwegs, gab es wenig zu lesen. Und ich war immer heilfroh, wenn es eine Zeitschrift gab, auch auf Englisch, die interessant erschien. Ganz vorne der Economist, eine englische Wochenzeitschrift mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und Artikeln über alle Länder der Welt. Und so begann ich, ohne jede Absicht, etwas über Wirtschaft zu lesen, auf Englisch, ich hatte ja nichts anderes.

    Später dann, ich arbeitete schon im Krankenhaus in der Unfallchirurgie, (ich nannte es mein „Arbeitspraktikum im Lebensstudium“), da wusste aber immer noch dass ich keinesfalls dort enden wollte, als ich eine Anzeige einer Unternehmensberatung im Ärzteblatt las. An Ärzte gerichtet, mit einem Zitat so ungefähr wie: „Um neue Kontinente zu entdecken, muss man bereit sein die Sicht auf das Ufer zu verlassen“, und einer Statue, die im Wasser versank.

    Das leuchtete mir ein. Bald hatte ich im Krankenhaus gekündigt, einen Job als Kleinlasterfahrer (zum Geldverdienen und frei sein) und nach ein paar Monaten bewarb mich für einen Job in der Wirtschaft, bei einer der großen Unternehmensberatungen. Die Bewerbungsgespräche und Trainings waren ungewöhnlich, und ich war etwa mit der Aufgabe konfrontiert innerhalb von 2 Stunden eine Präsentation zu basteln, wie ich denn potentiellen Geldgeber für meinen Online-Shop für Weiße Ware (Waschmaschinen etc.) überzeugen wollte. Mir machte das ganze Spaß, und ich bekam ein Jobangebot.

    Kurzum, ich stellte tatsächlich fest, dass man da draußen in der Wirtschaft überleben kann ohne dass man nur eine einzige Vorlesung BWL besucht hat. Meine Methode: ich überlege mir selbst, was mir dazu einfällt, und nutze mein über die Jahre gut trainiertes assoziatives Denken. Bin neugierig, bereite mich gut durch Internet-Recherchen vor und fokussiere mich auf das Wesentliche. Auf meine Aufmerksamkeit und Reflexe, die ich auf Reisen trainiert habe. Auf meine Fähigkeit, mich empathisch auf ein Gegenüber einzustellen und neugierig zu sein. Den diagnostischen Spürsinn, den man sich auch als Arzt angeeignet hat. Und ein bisschen Schauspielern braucht man im Krankenhaus genauso wie beim Auftritt beim Kunden.

    Jetzt, fast 20 Jahre später weiß ich, es funktioniert. Ich habe nie wieder darüber nachgedacht im Krankenhaus zu arbeiten. Ich mache immer noch Projekte, und bei jedem Projekt ist es wieder eine ganz neue Welt, mit der ich mich beschäftige. Manche gehen nur Wochen, manche Jahre. Und sie erfordern viel Einsatz, oft sehr viel, viel Reisen. Aber dann gibt es auch Zeiten ohne Projekt. Mit viel Zeit.

    Ich mache viele Pausen, war für jedes unserer vier Kinder ein Jahr in Elternzeit und immer wieder viel auf Reisen, aber natürlich, seit Lysander in der Schule ist nur noch kurz. Und ich bleibe neugierig, wie es weiter funktioniert. Auf eine Art bin ich selbst am meisten überrascht, dass es geht. Ich hatte nie gelesen oder gehört dass man so leben kann.

    Es erschien mir eher als der Test von einem Traum von mir, von einer meinen Hypothesen – es muss doch möglich sein, es so zu machen wie es mir gefällt. Und dauerhaft, jahrelang immer täglich das Gleiche zu machen wollte ich nie. Dagegen kann ich mich wunderbar für eine Sache für eine Weile voll begeistern und alles geben. Wenn ich dann wieder ein paar Monate oder ein Jahr Zeit habe meiner Neugierde zu folgen.

    Alles ist mit allem verbunden, und man kann überall nach Ähnlichkeiten oder Übertragbarkeit suchen. So bin ich in Vielem eher auf der Suche nach Innen, um dort zu entdecken.

    Habe viele Workshops und Seminare besucht, aber selten welche über Wirtschaft oder Medizin, das langweilt mich meist sofort. Weil es nicht um mich geht.

    Dafür habe ich viel Zeit in Selbsterfahrungskursen, auf Techno-Parties, in Ashrams und Meditationsgruppen verbracht. Um mehr über mich selbst zu erfahren. Das Interessante dabei aber ist: Versteht man sich selbst mehr, versteht man auch die anderen mehr. Und das ist fast das Wichtigste, wenn man mit Menschen erfolgreich zusammenleben oder zusammenarbeiten will.

    Und eigentlich müssen auch alle Firmen am Ende genau das tun: den Menschen, den Mitarbeiter, vor allem den Kunden verstehen. Dann werden sie Erfolg haben.

    Und es gibt für jedes Problem, jede Herausforderung neben dem üblichen Weg mindestens noch eine andere Lösung. Und zumeist lassen sich die so kompliziert erscheinenden Zusammenhänge doch auf wenige wichtige Faktoren reduzieren. Die dann immer wieder ähnlich sind.

    Ich las gerade eine Studie, publiziert von Rich Lesser, dem Chef von BCG über die Erfolgsgeheimnisse der erfolgreichsten CEOs:

    „An Algorithm for a Successful 21st Century CEO“. Erfolg wird hier gemessen an der wirtschaftlichen Stärke der Firma, dem Aktienkurs und derem langfristigen „Erbe“, dem nachhaltigen Einfluss auf die Firma.

    Erfolgreich sind vor allem die Chefs, die auf ein biologisches, systemisches Denken setzen, und am häufigsten die Worte Team, offen, System, Partner, Fähigkeiten, Lernen und Versuchen verwenden. Sie wissen, dass die Welt unsicher und komplex ist, und reagieren flexibel.

    Die weniger erfolgreichen Chefs dagegen setzen auf das mechanistische Denken, mit den Worten: Prozess, Zukunft, Plan, und Stärke im Mittelpunkt ihrer Kommunikation.

    Die erfolgreichen Firmenchefs gehen die großen Herausforderungen an und orientieren sich an den Mega-Trends dieser Welt, kommunizieren aber offen was dies für die Firma bedeutet und warum hier zu handeln wichtig ist. Dabei fordern sie sich selbst und die Mitarbeiter aus ihrer Komfortzone herauszukommen, überfordern sie zugleich aber nicht. Aber es ist ihnen auch klar: Wenn nie jemand gestresst ist, dann sind sie nicht weit genug gesprungen.

    Sie machen alle ein bis zwei Jahre eine größere Investition, und sie nehmen sich drei bis vier strategische Schritte im Jahr vor. Dabei achten sie darauf, gut vorbereitet zu sein, erkennen den günstigen Zeitpunkt zum Handeln und gehen kontrolliert überschaubarer Risiken ein, aus denen sie lernen können.

    Und es ist klar: sie verfolgen mehrere Pläne gleichzeitig, ohne vorab wissen zu können was Erfolg haben wird und was nicht. Anstatt auf Jahre voraus jeden Schritt zu planen, sind sie flexibel und anpassungsfähig. Und sie wissen, dass Erfolg vor allem darauf beruht, im Team arbeiten und wachsen zu können.

    Und ich denke mir dabei: Irgendwie passt es, dass ich Chefs berate. Was hier der Chef von BCG schreibt, jene Firma die damals vor 18 Jahren das Experiment wagte mich einzustellen und für vier Jahre zu behalten, kommt mir sehr bekannt vor. Viele Elemente davon entsprechen dem, was ich erst allein, dann gemeinsam mit der Familie teste – wie diese Weltreise, die bald endet. Und in zwei Wochen beginnt die interessante Herausforderung der Rückkehr.

    Heute sind wir die letzte Nacht in Cochabamba. Es hat allen sehr gut getan hier zu sein, Bolivien und Cochabamba ist freundlich und macht einen guten Eindruck. Wir haben uns hier in diesem schönen kleinen Hotel, in dem man problemlos einen Roman schreiben könnte oder einen Film drehen alle gut erholt.

    Wir waren vor der Tür im schönen kleinen Museum „Alcide d´Orbigny“, zu Ehren eines französischen Naturforschers, der 1826 zu einer siebenjährigen Forschungsreise nach Südamerika aufbrach. Ähnlich wie Alexander von Humboldt betrachtete er dabei die Natur als ein Ganzes, und unterstützte ein kosmopolitische Wissenschaft, die alles miteinander verband. In Bolivien, so schrieb d´Orbigny, findet man alle Klimazonen der Welt in einem Land vereint und damit die größte Vielfalt an Tieren und Pflanzen.

    Velis fand es gemein, dass dort nur tote Tiere ausgestellt waren, aber alle Kinder waren beeindruckt von Käfer und Spinnen, Pumas und Kaimanen, Kondoren und Schlangen.

    Und wir machten einen Ausflug mit der Gondelbahn hinauf zur großen Christustatue. Schließlich ist Bolivien das Land der Stadt-Gondelbahnen. In La Paz sind es mittlerweile 7 Bahnen, die als Kleinkabinenbahnen die bergige Stadt verbinden. Mehr sind geplant. Die hier in Cochabamba war eher einer der alten Sorte, wir warteten 2 Stunden bis es soweit war – ein Feierabendausflug für Bolivianer. Herunter ging es zu Fuß, bis alle Muskelkater in den Waden hatten.

    Morgen gib es noch das Endspiel der WM zu sehen, dann fliegen wir nach Uyuni, zu den Salzseen. Jetzt ist alles durchgeplant, das erste Mal auf der Reise – denn die Zeit wird knapp.

    Velis lernt den 4er-Zauberwürfel, Lysander schreibt sein Reisetagebuch fertig, Tara hat noch eine warme Jacke bekommen. Morpheus will daheim Karate lernen. Alle freuen sich riesig auf das Essen daheim und die Wohnung, die Freunde und alles was wir so lange nicht gehabt haben.

  • „our travel space“ – wie geht es weiter?

    „our travel space“ – wie geht es weiter?

    Mittwoch, 11. Juli 2018, 14.54, Hotel Aranjuez, Cochabamba, Bolivien

    „our travel space“ – wie geht es weiter?

    Mich hat schon immer die große Perspektive fasziniert. Denn es ist klar: Wir sind hier gemeinsam auf einem Planeten unterwegs, auf einer Reise durch das Weltall (englisch: space travel). Die Erde ist unser Spielraum (englisch: travel space), den Raum, den wir bereisen können. Und dann gibt es einen weiteren Raum, in uns. Es ist der Raum der Phantasie oder des Vorstellungsvermögens. Auch ihn können wir bereisen.

    Es ist auch klar: Wir haben einen begrenzten Zeitraum auf diesem Planeten. Woher wir kommen, wohin wir gehen, können wir nicht mit Gewissheit sagen. Wir wissen als Individuen, dass wir geboren werden und sterben werden. Auch dieser Planet Erde hat, nach dem was wir wissen, einen Anfang, wie auch das Universum. Und wohl auch ein Ende. Was davor und danach kommt können wir nicht sagen.

    Und dann gibt es Regel für diesen Spielraum. Wir lernen sie immer besser kennen. Die ersten Anleitungen haben viel Wert geschaffen, aber sie sind natürlich mit der Zeit veraltet. Weisheiten, die Religionsgründer und „weise“ Männer und Frauen über die Jahrtausende verkündet haben enthalten interessante Informationen. Aber auch viele Beschränkungen und Behauptungen, deren Wert heute fragwürdig erscheint.

    Also liegt es an uns herauszubekommen, was hier möglich ist und richtig ist, sowohl im Handeln da draußen als auch beim Blick nach innen. Hier ist das verfügbare Wissen zwar reichhaltig, aber zugleich auch erstaunlich begrenzt. Und es erscheint oft, als ständen wir erst ganz am Anfang.

    Nehmen wir die Geschichte. Ok, wir können eine Menge über große Reiche und erstaunliche Herrscher lernen. Aber vor allem viele Varianten, wie wir es nicht machen sollten. Denn war nicht Geschichte bis vor kurzem meist nur die Anwendung und Durchsetzung von Macht mit Gewalt?

    Dann gibt es viele große Denker, die bestimmte Modelle der Welt verkündet haben. Aber sehr oft sind sie eben genau das – Gedanken von Menschen, bei denen Behauptungen als Wahrheiten verkündet werden. Manche kann man lange studieren – aber es fehlt der eigentliche Beweis. Einige halten sich sehr lange, weil sie so gut klingen. Der größte Teil unseres „Alltagswissens“ besteht noch daraus.

    Hier kommt die Naturwissenschaft ins Spiel. Sie stellt Hypothesen auf, die getestet werden können. Meist kann man sie nur falsifizieren, also zeigen dass sie nicht stimmen. Was dann übrig bleibt ist vermutlich richtig – als Arbeitshypothese.

    In der Innenwelt, der Reich der Phantasie, aber auch der Erlebnisse und Erfahrungen wiederum gilt zuerst „anything goes“. Oft gelingt es dem, der nicht weiß oder glaubt dass es nicht geht dann zuletzt auch der Beweis, dass man Dinge, die nur in der Phantasie möglich erschienen tatsächlich auch draußen, in der physikalischen Welt hinbekommen kann. Etwa als Mensch zu fliegen.

    Vor allem aber ist die Innenwelt das im Zeitalter der „objektiven Wissenschaften“ das aus meine Sicht vernachlässigte eigentliche Spielfeld, denn was wir in uns erfahren hat am Ende die größte Bedeutung für uns.

    Mein Ansatz ist deshalb prinzipiell sehr einfach. Ich bin skeptisch, wenn jemand etwas mit Gewissheit verkündet. Ich bilde mir meine eigenen Hypothesen, schreibe sie auf und teste sie. Denn aus irgendeinem Grund habe ich schon immer Autoritäten angezweifelt. Oder ich hatte einfach mehr Lust, dem eigenen Weg zu folgen. Und ich habe immer dem „naiven“ Glauben gestärkt, dass ich die Dinge verstehen kann. Und dass etwas, was ich nicht verstehe, nicht unbedingt zu komplex sein muss, sondern vielleicht auch einfach schlecht erklärt oder falsch.

    Vor allem aber, so scheint es mir, gibt es für die wesentlichen Dinge im Leben, die Entscheidungen und Handlungen des Alltag keine gültige Anleitung. Das ist das Erstaunliche. Die Wissenschaft hält sich dort erstaunlich zurück. Ja, vor allem ist das ganze Innenleben ist am Ende noch praktisch unerforscht. Es wird darüber viel geschrieben. Aber das sind dann wieder Einzelmeinungen und Behauptungen.

    Betrachten wir nur einen einzigen Tag: Was geht in uns vor, in diesem 3-D-Film von 24 Stunden Laufzeit, mit all seinen Szenen, mit seiner grandiosen Multimedia-Show an gleichzeitig ablaufenden Kanälen: Bilder, Töne, Gerüche, Empfindungen von außen und Innen, Gefühle, Gedanken, Handlungen? Was steuern wir selbst, was wird von uns unbewusst erzeugt, welche Eindrücke nehmen wir wahr, welche Information dringt zu unserem Bewusstsein vor?

    Für mich ist deshalb klar: Wir stehen noch ganz am Anfang. Das ist ungeheuer faszinierend. Denn es bedeutet, wir werden sowohl über uns in der Welt noch so viel Neues lernen, als auch über die Welt in uns.

    Zugleich ist mir klar: Es gibt bereits ungeheuer viel Wissen. Es gab und gibt großartige Menschen, die wertvolle Beiträge geleistet haben. Aber es muss vielleicht zusammengesetzt werden. Hier begrenzt uns oft die traditionelle Logik des „entweder-oder“, des „richtig oder falsch“. Aus meiner Erfahrung passt oft der Widerspruch gut zusammen. Das heißt aber nicht, dass es alles nur Perspektiven sind und es keine Wahrheiten gibt. Es gibt besser und schlechter passend, weiter entwickelt und „primitiv“.

    Doch für den Alltag, für das tägliche Handeln fehlt oft noch die Gebrauchsanleitung. Jeder probiert so für sich herum. Nicht immer kommt dabei das Richtige heraus. Aber wir werden besser, Stück für Stück. Davon bin ich überzeugt.

    Vor allem, so glaube ich, wird es ein Gemeinschaftswerk. Wie Wikipedia zeigt, können Menschen gemeinsam an einem Wissenswerk arbeiten. Vielleicht brauchen wir ein ähnliches Gemeinschaftsprojekt, um herauszubekommen wie wir am besten funktionieren. Auf eine Art und Weise passiert ja genau das schon. Die erstaunlichen Fortschritte der letzten Jahrzehnte, von denen leider im Alltag so wenig gesprochen wird zeigen ja, dass die Menschen immer mehr wissen was ihnen guttut und was nicht.

    Auch wenn es nicht so aussieht, ist ja der objektiv weltweit konstante Rückgang der Gewalt vielleicht einer der bereits erkannten zentralen Erkenntnisse – Gewalt sollte vermieden werden. Und Rache ist keine optimale Option. Und unsere ständig wachsende Lebenserwartung zeigt, dass wir wissen was uns guttut, zumeist.

    Eine Reise um die Welt mit der Familie ist eine praktische Möglichkeit, unseren „Spielraum“ etwas besser kennenzulernen. Wie sieht die Welt aus, auf der wir leben? Was gibt es für Länder, Kulturen, Menschen? Und wie können wir sie ganz praktisch bereisen? Die vielleicht wichtigste Erkenntnis ist dabei – es geht.

    Und es ist für jeden von uns auch ein Möglichkeitsraum, für eine erweiterte Reise nach Innen. Was beschäftigt uns, wenn wir die Wahl haben und es kein externen Taktgeber wie Arbeit, Schule oder Kindergarten gibt? Welches Spiel wollen wir spielen, wenn uns langweilig ist? Wohin führt uns unsere Neugierde?

    Um bei meiner Lieblingshypothese zu bleiben: darüber nachdenken ist nur die halbe Sache, man muss es ausprobieren. Was es uns gebracht hat, ein Jahr um die Welt zu reisen werden wir alle auch erst im Nachhinein, wenn wir wieder daheim sind, beurteilen können.

    Aber es ist jetzt schon klar, es hat für uns alle, innen wie außen neue Erfahrungen ermöglicht und den Spielraum erweitert.

    Ich werde den Blog weiterführen, das habe ich längst beschlossen. Die Reise geht weiter, innen wie außen; und „our travel space“ hat mir viel zu viel Spaß gemacht um damit zu enden, wenn wir wieder zuhause in Berlin sind.

    Wir haben Peru verlassen, haben den Tag in El Alto, dem Flughafen von La Paz auf 4150 Meter verbracht und sind abends nach Cochabamba weitergeflogen. El Alto ist mit 850.000 Einwohnern auf jeden Fall die höchstgelegene (fast) Millonenstadt der Welt, im Hintergrund sieht man den Illimani mit 6462 Meter. Wir haben meinen Rucksack und eine große Tasche einfach mal so hinter der Gepäckkontrolle bei der Einreise vergessen – und zum Glück nach einem Schreck am Nachmittag dort wiedergefunden.

    Jetzt sind wir in Cochabamba, einer schön gelegenen Großstadt mit 600.000 Einwohnern auf 2600 Meter Höhe in einem etwas in die Jahre gekommenen, aber sehr gemütlichen Hotel im Kolonialstil, dem Aranjuez. Zeit zur Genesung für alle.

  • Durchs Urubamba-Tal, das „heilige Tal der Inkas“

    Durchs Urubamba-Tal, das „heilige Tal der Inkas“

    5. Juli 2018, 16.52 Uhr, Aguas Calientes, am Fuße von Machu Picchu, Peru, im „Valle Sagrado de los Incas“

    Das “heilige Tal der Inkas” entlang des Rio Urubamba ist nicht nur klimatisch mit seinem Frühlingklima eingerahmt von schneebedeckten Bergen wunderschön.

    Es hat auch neben den bekannten Ausgrabungsstätten wie Pisac und natürlich Machu Picchu viele verborgene und versunkene Städte, die im Bergurwald noch zum großen Teil nicht ausgegraben sind und nur mit anstrengenden Trekking-Touren zu erreichen sind.

    Etwa die „kleine Schwester“ von Machu Picchu, Choquequirao, eine nur durch einen zwei Tages-Treck erreichbare Urwaldruine, die nur zu 30% bisher ausgegraben ist.

    Oder Huchuy Qosqo, von Calca oder Cuzco aus in einem Tag zu Fuß zu erreichen. Doch sehe ich hinter Calca ein Plakat mit einer Seilbahn darauf. Hier ist die erste Gondelbahn in den peruanischen Anden geplant, sie soll Huchuy Qosqo mittels österreichischer Doppelmayr – Technik leicht erreichbar machen. http://latina-press.com/news/231534-peru-vereinbarung-fuer-seilbahn-nach-huchuy-qosqo-unterzeichnet/

    Baubeginn soll im Herbst diesen Jahres sein.

    Ich wünsche dem Projekt viel Erfolg! Denn: vergleicht man, was in jedem beliebigen Skiort in den Alpen an Andrang herrscht, ist es hier im berühmtesten Tal der Anden weiterhin verwaist. Ich halte das Potential für riesig und umweltfreundliche Transportmitteln für die große Mehrheit der Touristen die sich noch nicht fit für mehrtägige Bergwanderungen hält für wertvoll – insbesondere um weitere spannende Alternativen zu Machu Picchu erreichbar zu machen.

    Ich sehe ja gerade im ökologisch sensiblen Tourismus einen Megatrend, der für viele Länder der Welt die größten Entwicklungschancen bietet. Und ich glaube, dass neben der Gesundheit der Tourismus die größte „Industrie“ der Welt werden wird, mit gewaltigen Chancen. Denn beide bieten personalintensive Betätigungsfelder für die lokale Landbevölkerung, ohne dass Hightech-Produkte produziert werden müssen, die Ressourcen verbrauchen. Und sie bedienen ein prinzipiell praktisch unbegrenztes Wachstumsfeld.

    Wir etwa hätten natürlich Zeit und Geld in etwas Handfesteres stecken können als eine Weltreise von einem Jahr. Aber zugleich ist das teure Auto oder das große Haus nicht für alle das große Ziel – jedenfalls nicht für uns.

    Erfahrungen und Gesundheit im weiteren Sinne, also nicht nur körperliche, sondern auch seelische und „spirituelle“ Gesundheit , die etwa die Erfahrung der Verbindung beinhaltet ist wertvoll- am Ende für mich am wertvollsten.

    Und Verbindung mit den Menschen, der Natur und so viele wunderbare Erfahrungen, wie sie etwa Reisen ermöglicht ist kostbar.

    Denn es hilft zu sehen, wie schön die Welt ist und wie tolle Menschen auf ihr wohnen, um Mensch und Umwelt für schützenswert zu halten. Kinder spüren das noch am Ursprünglichsten- sie spielen genauso begeistert mit peruanischen Kindern Fußball wie daheim.

    Und einer der besonderen Erfahrungen beim Reisen als Familie ist vor allem die viele Zeit zusammen. Tag und Nacht, in einem Wohnmobil, Auto, Zimmer oder einfach nur draußen – es ist eine Nestwärme, ein Gruppenerlebnis, eine Erfahrung fürs Leben die bleiben wird, für uns alle.

    Ich freue mich zu sehen, wie gut schon die Anreise durch das Urubamba-Tal funktioniert. Überall sieht man neue Bauten aus Adobe, den traditionellen Lehmziegeln, mit den klassischen trapezförmigen Fenstern. An einer Aufzuchtstation können die Kinder Kondore fliegen sehen, mit ihrer gewaltigen Spannweite.

    Wir halten in Pisac, einer großartigen Anlage mit ihren typischen Terrassen (Andenes) genannt. Nach ihnen wurden von den Spaniern die Berge in Peru als Anden bezeichnet.

    Weiter geht es nach Calca, wo wir in einer wunderschönen Pension ‚Casa Aida‘ übernachten. Es ist ein Künstler, ein Maler, der sich dort mit seiner Frau Aida ein kleines Idyll geschaffen hat und drei Zimmer an Gäste vermietet. Da es Freunde unserer alten Freunde aus Lima sind, ist der Empfang um so herzlicher.

    Und dann geht es schließlich nach Ollantaytambo, unserem Start der Zugfahrt nach Machu Picchu.

    Wir nehmen den dort den Zug von IncaRail, seit 4 Jahren gibt es einen Wettbewerber zum klassischen PeruRail Zug.

    Die Fahrt ist eine moderne Fahrt in die Vergangenheit. Wir reisen zu einer der wenigen Orte auf der Welt, die nur zu Fuß oder per Zug zu erreichen sind. Die über 100 Jahre alte Schmalspurbahn schmiegt sich harmonisch in immer engeren Kurven den Flusslauf des Urubamba 1000 Höhenmeter Meter hinab bis Aguas Calientes.

    Toll gemacht, gibt es einen Aussichtswagen ohne Glasscheiben , die Kinder und ich lieben ihn! Der neue 360-Grad-Zug ist wirklich gelungen , man kann durch die Dachfenster wirklich die schneebedeckten Gipfel sehen!

    Entlang des Weges sieht man den Anfang des Inka-Trails, jenem historischen Zugang zu der Urwaldstadt, der über 4000 Meter Höhe in drei Tagen führt. Damals, 1987 bin ich auch diese Strecke gewandert, damals noch ganz ohne Träger oder Führer. Und überall, auch entlang der Eisenbahn sieht man die Spuren der Inkas, die vor über 500 Jahren den Höhepunkt ihrer Blütezeit erreicht hatten, als letzte der Indianerkulturen, die seit über 10.000 Jahren Südamerika besiedelt haben.

    Sie waren herausragende Baumeister, die ihre Terrassenbauten schon mit unterirdischen Entwässerungsanlagen gegen Erosion und Überschwemmungen geschützt hatten und deren Straßen und Wege den südamerikanischen Kontinent von Kolumbien bis Chile durchzogen.

    Und natürlich sind die Indianer auch für uns moderne Menschen oft eine Inspiration, weil sie eine mit Natur und Umwelt verbundene Lebensweise pflegten, mit nachhaltiger Nutzung der Ressourcen und einem ungeheueren Wissen über die Pflanzen und Kräuter des Urwaldes. Sie haben uns die Tomaten, den Kakao, die Kartoffeln, den Mais, die Avocado und viele weitere Nutzpflanzen gebracht.

    Aber auch ihre Kenntnisse über psychoaktive Kakteen, Pilze, Lianen, Blätter, Kräuter, und sogar Frösche hat und beeinflusst unsere Wahrnehmung der Welt weiterhin nachhaltig.

    Die Wissenschaft beginnt gerade erst wieder diese Substanzen in legalen Studien zu erforschen, und es ist ein großes Potential für Heilung, aber auch für das Verständnis unseres Gehirns und des Rätsels Bewusstsein erkennbar.

    Selbsterfahrung und „spirituelle“ Sinnfindung stehen hoch im Kurs, ob im Silikon Valley oder in London oder Berlin. Auch hier werden die indianische Kulturen mit Ihrem Erfahrungsreichtum und ihrer ganzheitlichem Weltsicht weiterhin viel an Attraktivität gewinnen. Und Reisen in den Urwald, an „Kraftorte“ und ursprüngliche Gegenden für die wachsende Zahl der Großstadtbewohner der Megametropolen dieser Welt wichtiger werden, auch für Peruaner aus Lima, das haben wir auch in Gesprächen erfahren. In diesem Sinne sehe ich eine wichtige und große Zukunft für das Urubamba-Tal, das „Valle sagrado de los Incas“.

    Morgen früh geht es um 5.30 hinauf nach Machu Picchu.

    Abfahrt in Ollantaytambo

    Ruinen von Pisac

    Casa de Aida in Calca

    Fahrt nach Machu Picchu

    Einstieg zum Inka-Weg

  • Nadine: Mein Leben bis 25

    Nadine: Mein Leben bis 25

    Ich (Nadine) bin 1977 in der ehemaligen DDR geboren. In Zwickau Oberplanitz wuchs ich mit außen Plumsklo und Kohleofen auf.

    Feuer machen und Ofen ausputzen habe ich früh gelernt.

    In dem Haus lebten meine Eltern,meine Großeltern und meine Uroma.

    Nicht weit vom Ortskern entfernt hatten meine Großeltern einen Friseursalon.

    Das Haus war umgeben von einem kleinen Garten, mit 2 Birnbäumen die immer im Jahreswechel ihre Früchte trugen, einen großen Apfelbaum und eine Sauerkirsche. Jedes Frühjahr blühte ein großer Rhododendron und der Duft der Rosen meiner Oma ist unvergessen.

    Es gab einen Keller einen Dachboden und eine Garage; ich hatte immer viel Platz.

    Ich kam mit 8 Monaten in die Kinderkrippe und wurde mittags abgeholt.

    Meine Mama arbeitete als Röntgenassistentin im Krankenhaus in Zwickau. Mein Papa fuhr schon seit er 14 Jahre alt war unter Tage ein und haute Kohle aus dem Stein. Dafür hatte er früh eine eigene Wohnung und war selbstständig.

    Wir fuhren einen Skoda; erst rot dann gelb, den wir aber leider abgeben mussten weil mein Onkel mit seinem Wartburg nicht in den Westen ausreisen durfte. Ich mochte das neue Auto nicht.

    Dann kam die Wende; ich war 12. die Familie meines Papas waren mittlerweile schon alle „drüben“.

    Die Kokerei machte zu, meiner Mama ihr Job war krisensicher.

    Sie haben alles gemeinsam cool gemeistert. Nach ein paar Jahren war klar: Mama stockt auf und schiebt mehr Dienste, Papa kümmert sich um das Haus und den Haushalt.

    Ich schloss die Realschule 1993 ab und began gleich darauf eine Ausbildung als Physiotherapeutin die ich 1996 beendete.

    Ich hörte die Doors und Janis Joplin, verbrachte viel Zeit mit meinen Freunden und träumte von einem bunten, wilden Leben. Ich folgte dem Flow und fuhr

    Sylvester 1995 nach Berlin um am Brandenburger Tor zu feiern. Daraufhin beschloss ich so schnell wie möglich nach Berlin zu ziehen.

    Januar 1997 war es dann soweit.

    Es kamen wilde Jahre.

    Ich habe in Berlin Fuß gefasst. Als Physiotherapeutin gearbeitet und war viel in der Berliner Technokultur unterwegs. Viele mir lieb gewonnene Menschen begleiten mich bis heute.

    Mit 25 traf ich Leander und wir tanzten die ganze Nacht im ehemaligen Marie am Ostbahnhof, ein halbes Jahr später verlobten wir uns auf einem kleinen Open Air.

    Ich weiß noch genau, dass mich mein Papa anrief (was höchst selten vorkam); ich lag gerade in der Badewanne bei einer Freundin, (ich hatte zur der Zeit keine eigene) und mich freudig fragte ob es stimmte dass ich heiraten werde, und wie ich das den wieder hinbekommen hätte. Wir haben herzlich gelacht.

    Leander getroffen zu haben bezeichne ich immer noch als das größte Geschenk in meinem Leben.

    Der Rest ist Geschichte die viele kennen. Es kamen die Kindlein es folgten erste längere Reisen.

    Es wurde mir nicht in die Wiege gelegt das Reisen meine erster Flug war mit 23 Jahren nach Teneriffa, aber so langsam hab ich’s drauf :).

    Der Weg nach innen ist der für mich wertvollste geblieben. Unendlich verbunden mit allen und allem, glaube ich zutiefst an die Menschen und ihren Weg.

  • Meine Kindheit in Peru

    Meine Kindheit in Peru

    Ich bin am Bodensee geboren, wo mein Vater in Friedrichshafen seine ersten Berufsjahre als Gymnasiallehrer verbrachte. Fortschrittlich und alternativ, gründeten meine Eltern (meine Mutter ist Grund- und Realschullehrerin) im Dorf den ersten selbstverwalteten Kinderladen und mein Vater versuchte gemeinsam mit zwei Kollegen, den neuen Geist der 68-Jahre am Gymnasium zu verbreiten – gegen den Widerstand der konservativen Kollegen. Doch auch eine andere Alternative wurde interessant: Er bewarb sich für den Auslandschuldienst.

    1973, ich war noch vier Jahre alt, mein Bruder sieben, war es dann so weit. Es gab ein Angebot als Deutschlehrer in Lima, Peru. Innerhalb von wenigen Wochen wurden die Koffer gepackt, das Reihenendhaus in Stetten bei Meersburg vermietet und mein Vater flog voraus los, denn er musste die neue Stelle am Collegio Alexander von Humboldt antreten.

    Mit meinem Bruder und meiner Mutter nahmen wir den Zug nach Genua, um dort im März 1973 auf ein Schiff zu steigen. Damals gab es noch die letzten Linienschifffahrten für Fracht und Passagiere, und so nutzen wir die Chance, eine Schiffsüberfahrt zu erleben. Wir fuhren mit der MS Donizetti, einem in den 50er Jahren für die Australienstrecke gebauten Schiff.

    Ich habe nur wenig Erinnerungen an die Zeit vor dem Aufbruch. Doch mit der Schifffahrt von einem Monat über den Atlantik verbinde ich viele Erinnerungen. Das tiefe Brummen der Schiffsmotoren, der Blick aus dem kleinen Bullauge hinaus auf das Meer. Die Doppelstockbetten in der kleinen Kabine, und an Deck der Swimmingpool und der „verbotene“ Bereich der ersten Klasse. Mein 5. Geburtstag an Bord, wo die Köche morgens mit Töpfen vor der Kajütentür klopften und einen Kuchen vorbeibrachten. Die Überquerung des Äquators, wo nach einem alten Brauch anscheinend willkürlich Passagiere mit Sahne beschmiert und dann in den Bordpool geworfen wurden. Und dass ich bei der Sicherheitsübung mit Schwimmweste an Bord dachte, wir müssten jetzt in die Rettungsboote steigen.

    Das Erste, was ich von Lima erinnere ist ein helles Weiß, alles erschien mir in strahlenderen Farben als ich sie je gesehen hatte.

    Ich kam in den Kindergarten der deutschen Schule im Lima, wo auch mein Vater arbeitete.

    Das Leben in den 70er Jahren in Peru war anders als in Deutschland. Wir hatten eine Schuluniform an, morgens versammelte man sich auf dem Schulhof um die peruanische Nationalhymne zu singen. Unser Haus war eines von drei Häusern in der Straße, der Rest bestand aus Wüstensand, halbfertigen Baustellen in denen unter Strohmatten bettelarme Familien aus den Bergen lebten, mit streunenden Hunde die nachts ewig bellten. Zugleich, hinter den Mauern um unser geräumiges Haus war es ein grünes Idyll mit Bananenstauden im Garten, mit Isabel, unserer „Muchacha“, dem Hausmädchen die auf dem Dach wohnte und die ich sehr mochte. Von dort auf dem Dach sah man, das Lima von Wüste umgeben ist.

    Für mich war es normal, dass wir viel Spielzeug hatten, das draußen fehlte, und das niemand einen orangen Westfalia T2 VW Bus hatte – in Peru gab es nur den klapprigen Typ 1 mit Brezelfenster, der mich morgens zur Schule abholte.

    Und wir waren weit weg von daheim. Der Flug nach Deutschland war sehr teuer, nur alle zwei Jahre gab es einen bezahlten „Heimaturlaub“. Pakete aus Deutschland blieben für immer im Zoll, ein Telefon zu beantragen dauerte Jahre. Peru war eine sozialistisch angehauchte Militärdiktatur, die Verbindung nach Europa war der heulende Langwellen-Radio-Empfang der deutschen Welle und das Nachrichtenmagazin Spiegel, der im Lehrerkollegium wie eine Kostbarkeit herumgereicht wurde. Wenn wir ihn für ein paar Tage hatten, waren auch mein Bruder und ich gespannt darauf, ihn endlich in der Hand halten zu können.

    Über die Jahre lernte ich spanisch, fand Freunde und verbrachte viel Zeit im „Deutschen Club“ am Swimmingpool. Und dann gab es die Schulferien. Mein Vater wollte Peru und dann Südamerika entdecken, und so waren wir mit dem Bus viel unterwegs. Von Lima heraus gibt es nur drei Wege: die Panamerikana nach Norden und Süden, beide führen tausende von Kilometer durch die Wüste. Und nach Osten in die Berge – und dafür muss man über einen Pass von 4850 Meter, den Ticlio. Über die Jahre fuhren wir immer weitere Strecken. In den Urwald nach Pucallpa, in viele Andentäler und Städte und in den drei Monaten Sommerferien 1974 nach Ekuador und Kolumbien und 1976 nach Chile und Argentinien. Erdbeben, durch Erdrutsche unpassierbare Straßen, Flussdurchquerungen, Stromausfälle und die ewige Weite der Atacama-Wüste gehörten genauso zu unserem Alltag wie Nächte auf 4000 Meter Höhe im VW-Bus und die Übelkeit, die mir die Pass-Serpentinen über den Ticlio immer bereiteten.

    Aber natürlich – es war in vielem ein großes Abenteuer, dass ich auch immer so wahrgenommen habe. Ich fand es spannend an neuen Orten abends anzukommen und die Gegend zu erkunden, Flüsse zu erleben in denen Piranas lebten und so viel von der Welt zu sehen.

    Und dann gab es auch den Heimaturlaub. Zweimal flogen wir nach Deutschland zurück, trafen unsere Familie, und besuchten dabei auch noch Mexico, Guatemala und Jamaika als Zwischenstopp. Das Flugzeug war ein selbstverständliches Verkehrsmittel für mich als Kind, und ich habe es immer geliebt.

    So eine Kindheit war Chance und Herausforderung zugleich. Ich habe es als eine große Chance wahrgenommen, weil ich einen weiteren Horizont bekam als üblich, ich immer zwei Sprachen, zwei Kulturen und zwei Perspektiven hatte um etwas zu betrachten. Aber natürlich war es auch eine Herausforderung. Für mich als eher zartes, sensibles Kind blieb es auch immer eine raue, fremde Welt, in der ich lebte. Und es gab die Jahre, wo ich mich fragte wo meine Heimat eigentlich ist, und ich mich dorthin sehnte, wo ich nicht war: erst nach Deutschland, dann wieder in die Ferne.

    1978 kehrten wir nach Deutschland zurück, und zogen nach Ulm. Es dauerte, bis ich in Deutschland ankam. Und eines blieb bis heute: Die Reiselust und die globale Perspektive. Ich komme aus Europa, bin aber gerne in der Welt unterwegs. Seit ich 16 bin, habe ich jede Chance genutzt in die Ferne zu reisen. Mit 19 wieder durch Peru bis Argentinien. Und vor allem bin ich viel auf der Straße, Überland gereist – wie ich es mit meinen Eltern kennengelernt hatte. Von Berlin über Kamerun nach Kenia, nach Indien, von San Francisco nach Mexico und von dort bis Venezuela. Und ich war mehr als ein Dutzend Mal in Indien.

    Aber ich habe nie daran gedacht außer im Urlaub oder für Praktika in einem anderen Land länger zu leben oder gar auszuwandern.

    Seit ich in Berlin das erste Mal länger war wusste ich: Hier bin ich zuhause, hier werde ich bleiben. Das ist vielleicht der größte Vorteil meiner Kindheit: Ich weiß zu schätzen, was ich dort habe, und dass dies nicht selbstverständlich ist. Und zugleich fühle ich mich auf eine Art auf der ganzen Welt zu Hause – at home in the universe.

  • Worauf es mir ankommt

    Worauf es mir ankommt

    Mittwoch, 10. Januar 2018, Anjuna, Goa, India

    Worauf es mir ankommt

    Laufen. Yoga. Schwimmen. Schreiben. Weiter am großen Plan arbeiten. Klar ist, ich bin in einer idealen Situation. Klar ist, es hängt von mir ab, was ich daraus mache. Sicher ist, wenn ich morgens Yoga oder Sport mache fühle ich mich besser, mehr in meiner Mitte. Klar ist auch, meine ganze Lebensgeschichte hängt ganz stark davon ab was ich mir zutraue und was für eine Geschichte ich mir selbst erzähle.

    Es stimmt, die Herausforderungen bleiben. Ob ich hier bin oder daheim, ich muss mir erzählen woran ich glaube und es muss eine gute, spannende Geschichte sein. Je begeisterter ich von meiner Geschichte bin, um so mehr ich sie nicht nur glaube, sondern lebe, in jeder Faser spüre, umso mehr wird es zu meiner Wirklichkeit. Das ist meine Erfahrung.

    Und somit sind wieder zwei Dinge wichtig. Die Geschichte so zu erzählen, so an ihr dran zu bleiben, dass sie täglich maximal spannend und aufregend bleibt. Und die Erfahrungen wirklich zu machen, die dann die Gewissheit erzeugen.

    Ein Beispiel:  Ja, man kann viel über spirituelle Einsichten lesen. Aber es ist ein großer Unterschied, damit eine Erfahrung zu verknüpfen, in der diese Einsicht sich so wahr angefühlt hat, dass man sie im ganzen Körper gespürt hat.

    Wie damals im Ashram von Osho in Poona, als ich im Koreagon Park zwischen den beiden Bereichen die Straße entlang lief und mir dachte: Wenn ich jeden Moment als das Optimum annehmen kann, das Nonplusultra, dann gibt es keine Differenz mehr zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Und genau das habe ich gedacht: Leibniz hat recht, ich lebe in der besten aller möglichen Welten, jeder Augenblick ist der höchste Moment. Und dann gilt auch: „Accept whatever is.“

    Von da an hat mich dieser Gedanke nie wieder ganz verlassen. Er ist immer noch präsent, und er sagt mir, dass die Lehren der Meister wie von Ramana Maharshi ganz einfacher Natur sind, wenn man sie einmal verstanden hat.

    Es gibt nicht zu erreichen. Es gibt nichts zu vermeiden. Es ist alles genau richtig so wie es ist. Es wird immer so bleiben. Es gibt keine Hoffnung auf einen besseren Zustand. Es gibt keine Befürchtung vor einem schlechteren Moment. All das ist nicht notwendig. Damit sind auch alle Probleme bereits gelöst. Alle Probleme sind Scheinprobleme.

    Jedes Ziel ist bereits erreicht. Und damit ist eigentlich schon alles gesagt. Es geht gar nicht darum, ohne Angst zu leben. Es geht gar nicht darum, ohne Probleme, ohne körperliche oder seelische Leiden zu leben. Man kann für jeden Augenblick dankbar sein.

    Und man muss nicht auf den Moment warten, der nie kommen mag an dem man frei von Angst, Leid, Krankheit etc. ist. All das sind Einbildungen, denen man hinterherrennt. Man wird nie sicher sein, nie ohne Sorgen. Aber zugleich ist man immer frei von allem. Es ist eine fixe Idee zu glauben man könne diese irdischen Probleme lösen.

    Aber, und das ist der Trick dabei: Indem man das alles annimmt, verliert es seine Schwere. Ob man arm oder reich, gesund oder krank, weise oder ahnungslos, allein oder bewundert ist, ob man gewinnt oder verliert, das wird weniger bedeutend.

    Wir sind alle schon erlöst, erleuchtet, befreit, wie man immer es auch bezeichnen will. Wir sind immer schon verbunden, waren nie getrennt. Und wenn man das begreift, erfühlt, versteht, dann passen auch die Worte am Ende von Faust 2: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“; alles ist nur ein Spiel. Es kommt nicht darauf an.

    Wir können und dürfen mitspielen. Wir sind frei. Das ist alles sehr sehr spannend. Und es ändert sich auch nichts. Vor der Erleuchtung Holz holen und Wasser tragen. Nach der Erleuchtung Holz holen und Wasser tragen. So geht es immer weiter.

    Selbst die Frage, ob man nach dem Tod weg ist, wiedergeboren wird, wieder eins mit dem Universum ist, aus dem Rad der Wiedergeburt ausscheidet, in Himmel oder Hölle landet – sind nichts als weitere irrelevante Spielfragen.

    Aber, und damit ist ja auch nur ein Schritt getan. Ich bin also frei und muss mir keine Sorgen machen. Egal wann und wie. Aber was mache ich nun?

    Da bin ich wieder zutiefst frei und erlaube mir, meinen Leidenschaften, meinen Einsichten und meiner Begeisterung zu folgen. Ich kann mich entscheiden. Ich glaube an Entwicklung, an Verbesserung, Wachstum.  „The universe is a university“

    Ich muss nicht entsagen. Ich muss nicht verneinen.  Vielmehr ist das Spiel des Lebens eines, das auch ausgekostet werden mag. Und so fühle ich mich frei, hier so viel ich mag zu machen, zu erreichen, zu gestalten, mitzuspielen. So viel Ekstase wie ich mag zu erzeugen. So wie ich es möchte.

    Natürlich immer im Rahmen des kategorischen Imperativs von Immanuel Kant:

    „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“.

    Und dem schönen Satz von Aldous Huxley in seinem Brief an Albert Hofmann:

    „Essentially that is what must be developed – the art of giving out in love and intelligence what is taken in from visions and the experience of self-transcendence and solidarity with the Universe.“

    Und das Spiel geht weiter. Ich weiß, dass ich immer neue Aufgaben gestellt bekomme und mir immer neue Aufgaben aussuchen kann. Ich weiß aber auch, dass mich jede Aufgabe wieder fordern wird. Nur wenn ich gefordert bin, komme ich auch an meinen optimalen Bereich, die „zone“, den „flow“, die wieder die Ekstase erzeugt, die ich kenne und liebe.

    Denke ich also an die Zeit nach unserer Heimkehr, weiß ich, dass genau die gleichen Fragen auch dann wieder gelten werden. Das Spiel geht weiter, und ich werde, wenn ich die Aufgaben die an mich gestellt werden diese annehmen. Und tun was zu tun ist.

    Im Zentrum liegt eine Begeisterung. An die komme ich mit den richtigen Techniken heran, die zu mir passen. Und mit einer Wendung nach innen. Auch die ist mit Techniken und guten Texten verbunden. Und der täglichen Praxis. Es sind gute Aussichten.

  • Positive Psychologie

    Positive Psychologie

    Positive Psychologie

    Morgens beim Joggen am Strand in Goa höre ich: Blinkist, die App die interessante Bücher kurz zusammenfasst.  Und zwar „Flourish“ von Martin E.P. Seligman.

    Er schreibt über „Positive Psychologie“. Diese vermittelt ein wissenschaftlich begründetes positives Menschenbild. Die Frage lautet: Welche Faktoren sind wichtig, damit Menschen ein glückliches Leben führen?

    Fünf sind besonders hervorzuheben:

    • Positive Emotions
    • Engagement
    • Meaning
    • Accomplishments
    • Positive relationships

    Sie lassen sich alle aktiv beeinflussen.

    Was ich gehört habe, inspiriert mich zu meinen eigenen Gedanken:

    Positive Emotionen

    Positive Emotionen entstehen, wenn wir schöne Erfahrungen machen. Uns von positiven Gefühlen anderer inspirieren lassen. Hier geht es darum, sich aktiv den Dingen zuzuwenden die uns selbst spezifisch glücklich machen. Das können kleine wie große Dinge sein. Eine gute Übung ist es, jeden Abend hier fünf Dinge aufzuschreiben, die uns an diesem Tag glücklich gemacht haben. Dankbarkeit ist hier der Schlüssel.

    Ein gutes Buch hierzu: Julia Cameron: Der Weg des Künstlers

    Engagement

    Man kann es auch Flow nennen, Einsatz, Anstrengung. Wenn wir uns für eine Aufgabe, sei sie auch noch so klein bewusst einsetzen, diese mit Hingabe tun, dann hilft sie dabei uns glücklich zu machen. Ich mag den Begriff „Arbeit als Meditation“. Der große Vorteil ist, hier gibt es jeden Tag beliebig viele Chancen, sich einzubringen. Ist man gut darin, entsteht der „Flow“, ein Gefühl ganz in der Tätigkeit aufzugehen. Es kann auch ein Spiel sein – am häufigsten entsteht der Flow wenn man etwas konzentriert genau zwischen Unter- und Überforderung betreibt. Ein gutes Buch hierzu: Mihaly Csikzentmilhalyi: Flow

    Bedeutung, Sinn

    Es ist klar: Wenn man weiß, warum man etwas tut, fällt es einem viel leichter, auch unangenehme Dinge in positivem Licht zu sehen. Man kann selbst entscheiden, welchen Sinn man in den Dingen sieht. Es ist aber klar, dass es ungeheuer hilfreich ist, sich selbst und seiner Geschichte einen Sinn zu geben und für alles eine positive Interpretation zu finden, die für einen selbst glaubhaft ist. Beispielsweise ist es oft besser, eine Entscheidung zu treffen als keine – entscheidet man sich und setzt man sich dann für die Entscheidung ein, wird man sich engagieren und lernt dabei etwas, unabhängig vom Ausgang.

    Ein gutes Buch hierzu: Viktor Frank: Trotzdem Ja zum Leben sagen.

    Und: Creative Visualization von Shakti Gawain

     

    Erfolge

    Es ist klar, dass Erfolge Glück erzeugen. Gewinnt man ein Spiel, fühlt man sich besser als wenn man es verliert. Um Erfolgserlebnisse zu erfahren, ist es wichtig sich überhaupt ein Ziel zu setzen. Und es bedeutet auch immer, teilzunehmen. Und auch zu lernen zu verlieren. Aber auf die Dauer wird man sehr viel davon profitieren sich zu trauen, sich etwas vorzunehmen und daran zu bleiben, bis man das Ziel erreicht hat. Die Kunst ist dabei zu lernen, welches das langfristige Ziel ist das einen begeistert und in jedem Moment neu herauszufinden was der konkret nächste Schritt ist, der jetzt zu tun ist. Allein das Ziel aufzuschreiben und eine Liste zu führen was als Nächstes zu tun ist verbessert die Erfolgswahrscheinlichkeit enorm.

    Ein gutes Buch hierzu: Antony Robbins: Awaken the Giant Within (Deutsch: Das Robbins-Power-Prinzip)

     

    Positive Beziehungen

    Am Ende sind Beziehungen mit der wichtigste Faktor für Glück. Wir sind soziale Wesen, und wir werden es bleiben. Es kommt auch nicht auf die Anzahl an, hier zählt eher Qualität als Quantität. Im Idealfall aber natürlich hat man beides – enge, intensive, positive Beziehungen zu wenigen Menschen und einen weiteren Kreis an Freunden, Bekannten, Kollegen. Und es ist klar: Beziehungen wachsen durch Aufmerksamkeit und positiver Energie, die man anderen gibt.

    Um es mit den Worten von Meister Eckhart zu sagen:

    • Immer ist die wichtigste Stunde die gegenwärtige;
    • immer ist der wichtigste Mensch, der dir gerade gegenübersteht;
    • immer ist die wichtigste Tat die Liebe.

     

  • Happy New Year 2018!

    Happy New Year 2018!

    Ein glückliches neues Jahr 2018 wünschen die Fortmanns!

    Nadine und Leander mit Lysander, Velis, Morpheus und Tarahappy-new-year-2018-1-e1514786034627.jpgHappy New Year 2018 2