Kategorie: Bolivien

  • Schnee in den Anden

    Schnee in den Anden

    19.07.2018, 22.00 Uhr, San Pedro de Atacama, Chile

    Zwei intensive Tage liegen hinter uns, der Wecker klingelte heute um 4.00 Uhr. Nach der ersten Nacht im Salzhostel auf 3800 Meter freuten wir uns morgens über warmen Tee , die zweite Nacht dann auf 4350 Meter war eine echte Herausforderung. Es wurde deutlich unter Null und schneite die ganze Nacht. Warm wurde mir erst mit der Wasserflasche, die ich mit warmem Wasser vom Tee füllte und in den Schlafsack nahm; alle hatten ihre komplette Kleidung an.

    Aber die Natur dort oben im Grenzland von Bolivien und Chile war alles wert. Flamingos und ein rosaroter See, eine grandiose Natur und Einsamkeit, die man nur mit Lama oder Geländewagen bereisen kann, und dann überraschen und für die Jahreszeit unüblich Schneefall, der den Weg nach Chile versperrte. Die Chilenen schlossen die Grenze, und so ging es nicht mehr weiter.

    Heute dafür dann nach 13 Stunden wunderbarer Schneelandschaften meist zwischen 4300 und 4600 Meter Höhe schließlich über einen anderen Grenzübergang erschöpft doch noch in San Pedro de Atacama angekommen, das Ziel unsere drei- Tages-Tour. An die Höhe sind wir jetzt gewöhnt! Und unser bolivianischer Fahrer hat gezeigt, was er kann – im Schnee war für uns nicht mehr erkennbar wo es hier eigentlich langgeht. Und zwischen allem Schnee Leben: ein hasenähnliches Tier mit langem Schwanz, ein Fuchs, Vögel.

    Vor der Grenze hingen viele Laster und Busse fest, auf der Lehmpiste mit Schnee drehten die Räder einfach durch.

    Dort ist warten angesagt. Jedes (!) Gepäckstück wird geöffnet und durchsucht. Die Zollbeamten konfiszierten Nadines Redwood-Rinden, waren aber sonst sehr freundlich. Eine raunte ihrem Kollegen zu: „Capitan fantastico“. Wer den Film kennt („Captain Fantastic“) weiß, das dies ein Kompliment ist..

    Kaum hat man die Grenze überquert, wird aus der Lehmpiste eine Straße fast wie in Deutschland, mit Leitplanken und allem was dazu gehört. Der Guide war begeistert von Evo Morales, dem Präsidenten von Bolivien, und erzählt dass es wirtschaftlich bergauf gehe. Auch der Tourismus boomt, es waren viele Toyota Landcruiser unterwegs.

    Aber auf dem Land merkt man, dass Bolivien noch ein sehr armes Land ist. Doch dort wo die Touren halten, wurden Spezialitäten wie Lama-Steak mit Quinoa und Lama-Wurst im Hotdog serviert, und die Kinder freuten sich über die Wurst.

    Auf jeden Fall gab es dort oben in der grandiosen Vulkanlandschaft keine weitere Reisegruppe mit Kindern. Ein großes Danke an Nadine, wie sie hier diese drei Tage Abenteuer für uns alle mit möglich gemacht hat. Zum Glück habe ich eine „Capitana fantastica“ an meiner Seite!

  • Salar de Uyuni

    Salar de Uyuni

    17. Juli 2018, 22.19, ein Salzhotel beim Salär de Uyuni, Bolivien

    Uyuni ist ein verschlafenes Städtchen mit einer einst bedeutenden Vergangenheit. Einst kreuzten sich hier die Eisenbahnstrecken, die von den Zinnminen nach Antofagasta in Chile führten. Mittlerweile sind es nur noch Friedhöfe der alten Dampflokomotiven, die hier zu finden sind und die Minen geschlossen. Die breiten Straßen zeugen noch von der alten Zeit. Heute aber sind es die Touristen, die in diesen kalten Wüstenort kommen.

    Wir waren in einem schönen Hotel und die Kinder spielten auf dem Jahrmarkt mit Blechspielzeug, bei dem der Antrieb des Karussells die Kinder der Schausteller waren.

    Und dann ging es los in die größte Salzsee-Landschaft der Erde, 10.000 km2, auf 3650 Meter in einer Hochebene ohne Abfluss gelegen.

    Eine atemberaubende Landschaften in weiß. Und darin wie aus Zauberhand eine Insel mit Kakteen. Traumhaft schön, für mich die vielleicht schönste Gegend der Reise.

    Jetzt schlafen wir in der Kälte in einem Hostel aus Salzsteinen, die örtliche Bauweise. Unser bolivianischer Führer hat mal Wirtschaft in La Paz und Genf studiert und 14 Jahre in der Schweiz gelebt. Er spricht neben Englisch auch Französisch und berichtet, dass hier auch die größten Lithiumvorräte der Welt zu finden sind.

    Morgen geht es weiter zu Vulkanen und Seen.

  • Alles ist verbunden

    Alles ist verbunden

    Samstag, 14. Juli 2018, 16.18 Uhr

    Alles ist verbunden

    Ich bin ja schon immer davon überzeugt gewesen – alles hängt mit allem zusammen und man kann, wenn man die Welt mit Neugierde und Begeisterung betrachtet, überall etwas lernen. Und das dann oft ganz wo anders anwenden. Manchmal funktioniert das sogar erstaunlich gut.

    Für Steve Jobs, dem Schulabbrecher, war etwa der chinesische Kalligraphie-Kurs, den er an der Uni mithörte ohne eingeschrieben zu sein eine der wichtigsten Erfahrungen. Er lernte dort, wie groß die Bedeutung von Schönheit und Genauigkeit in einer Kultur sein kann. Später, beim Apple achtete er deshalb genauestens auf das optische Erscheinungsbild von Gerät, Schrift, Symbolen etc. – und revolutionierte damit den Markt der „grauen Kästen“.

    Ich nenne diese Art zu lernen „latentes Lernen“, „beiläufiges Lernen“, weil sie nicht zielgerichtet ist. Und ich glaube, dass sie den größten Teil des Lernens ausmacht. Bei mir jedenfalls ist es eigentlich immer genau so: Kaum „muss“ ich etwas lernen, habe ich dazu keine Lust mehr, und es fällt mir schwer es mir zu merken. Finde ich dagegen etwas beiläufig, in einem interessanten Artikel, Vortrag oder schnappe es irgendwo auf, dann kann ich mich dafür sehr begeistern, vor allem wenn ich damit eine Verbindung, eine Assoziation herstellen kann.

    Das Ergebnis ist am Anfang nicht absehbar. Es kann aber erstaunliche Folgen haben.

    Bei mir sah es so aus: Mir fiel es sehr schwer, mich für ein Fach hinzusetzen und Dinge auswendig zu lernen. Oder überhaupt eine Entscheidung zu treffen, was ich lernen oder einmal werden sollte. Mir war dagegen immer klar, dass ich gerne gelesen habe (aber nur, wenn es freiwillig war!), und dass ich gerne gereist bin (aber nur, wenn es keinen Zweck, kein Ziel verfolgte).

    Das führte dann dazu, dass meine Hauptmotivation mich anzustrengen darin bestand, die nächste Reise machen zu können. Und dafür wiederum musste ich die Schule, die Prüfungen an der Uni hinbekommen und nebenher noch Geld verdienen. Und um noch keine Entscheidung treffen zu müssen, was ich einmal machen sollte, begann ich nach der Schule erst einmal zu reisen.

    Und dann Zivildienst zu machen, denn ich wollte nicht zur Bundeswehr, das war mir klar. Danach wusste ich dann, dass ich studieren wollte. Denn nach Arbeit in der Fabrik (um das Geld für die erste Reise zu verdienen) und beim Zivildienst im Pflegedienst im Krankenhaus und in der Betreuung von Schwerstbehinderten war mir klar – das geht auf Dauer gar nicht. Also auf jeden Fall studieren.

    Da erschien Medizin geeignet, es dauert ewig und Reisen und Medizin passt gut zusammen, so dachte ich mir. Was ich damit einmal machen wollte blieb mir selbst ein Rätsel, das ich gut verdrängte.

    Vor allem motivierte das Reisen mich weiterzumachen, denn so schien es mir, mit nichts bekommt man mehr Anerkennung denn als Medizinstudent auf Reisen.

    Überall war man willkommen, und so wurden es lange Reisen – ein halbes Jahr auf dem Landweg durch Afrika, ein halbes Jahr auf dem Landweg nach Indien, ein halbes Jahr durch Mittel- und Südamerika. Und mein Studium dauerte ewig, fast 10 Jahre.

    Dort, unterwegs, gab es wenig zu lesen. Und ich war immer heilfroh, wenn es eine Zeitschrift gab, auch auf Englisch, die interessant erschien. Ganz vorne der Economist, eine englische Wochenzeitschrift mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und Artikeln über alle Länder der Welt. Und so begann ich, ohne jede Absicht, etwas über Wirtschaft zu lesen, auf Englisch, ich hatte ja nichts anderes.

    Später dann, ich arbeitete schon im Krankenhaus in der Unfallchirurgie, (ich nannte es mein „Arbeitspraktikum im Lebensstudium“), da wusste aber immer noch dass ich keinesfalls dort enden wollte, als ich eine Anzeige einer Unternehmensberatung im Ärzteblatt las. An Ärzte gerichtet, mit einem Zitat so ungefähr wie: „Um neue Kontinente zu entdecken, muss man bereit sein die Sicht auf das Ufer zu verlassen“, und einer Statue, die im Wasser versank.

    Das leuchtete mir ein. Bald hatte ich im Krankenhaus gekündigt, einen Job als Kleinlasterfahrer (zum Geldverdienen und frei sein) und nach ein paar Monaten bewarb mich für einen Job in der Wirtschaft, bei einer der großen Unternehmensberatungen. Die Bewerbungsgespräche und Trainings waren ungewöhnlich, und ich war etwa mit der Aufgabe konfrontiert innerhalb von 2 Stunden eine Präsentation zu basteln, wie ich denn potentiellen Geldgeber für meinen Online-Shop für Weiße Ware (Waschmaschinen etc.) überzeugen wollte. Mir machte das ganze Spaß, und ich bekam ein Jobangebot.

    Kurzum, ich stellte tatsächlich fest, dass man da draußen in der Wirtschaft überleben kann ohne dass man nur eine einzige Vorlesung BWL besucht hat. Meine Methode: ich überlege mir selbst, was mir dazu einfällt, und nutze mein über die Jahre gut trainiertes assoziatives Denken. Bin neugierig, bereite mich gut durch Internet-Recherchen vor und fokussiere mich auf das Wesentliche. Auf meine Aufmerksamkeit und Reflexe, die ich auf Reisen trainiert habe. Auf meine Fähigkeit, mich empathisch auf ein Gegenüber einzustellen und neugierig zu sein. Den diagnostischen Spürsinn, den man sich auch als Arzt angeeignet hat. Und ein bisschen Schauspielern braucht man im Krankenhaus genauso wie beim Auftritt beim Kunden.

    Jetzt, fast 20 Jahre später weiß ich, es funktioniert. Ich habe nie wieder darüber nachgedacht im Krankenhaus zu arbeiten. Ich mache immer noch Projekte, und bei jedem Projekt ist es wieder eine ganz neue Welt, mit der ich mich beschäftige. Manche gehen nur Wochen, manche Jahre. Und sie erfordern viel Einsatz, oft sehr viel, viel Reisen. Aber dann gibt es auch Zeiten ohne Projekt. Mit viel Zeit.

    Ich mache viele Pausen, war für jedes unserer vier Kinder ein Jahr in Elternzeit und immer wieder viel auf Reisen, aber natürlich, seit Lysander in der Schule ist nur noch kurz. Und ich bleibe neugierig, wie es weiter funktioniert. Auf eine Art bin ich selbst am meisten überrascht, dass es geht. Ich hatte nie gelesen oder gehört dass man so leben kann.

    Es erschien mir eher als der Test von einem Traum von mir, von einer meinen Hypothesen – es muss doch möglich sein, es so zu machen wie es mir gefällt. Und dauerhaft, jahrelang immer täglich das Gleiche zu machen wollte ich nie. Dagegen kann ich mich wunderbar für eine Sache für eine Weile voll begeistern und alles geben. Wenn ich dann wieder ein paar Monate oder ein Jahr Zeit habe meiner Neugierde zu folgen.

    Alles ist mit allem verbunden, und man kann überall nach Ähnlichkeiten oder Übertragbarkeit suchen. So bin ich in Vielem eher auf der Suche nach Innen, um dort zu entdecken.

    Habe viele Workshops und Seminare besucht, aber selten welche über Wirtschaft oder Medizin, das langweilt mich meist sofort. Weil es nicht um mich geht.

    Dafür habe ich viel Zeit in Selbsterfahrungskursen, auf Techno-Parties, in Ashrams und Meditationsgruppen verbracht. Um mehr über mich selbst zu erfahren. Das Interessante dabei aber ist: Versteht man sich selbst mehr, versteht man auch die anderen mehr. Und das ist fast das Wichtigste, wenn man mit Menschen erfolgreich zusammenleben oder zusammenarbeiten will.

    Und eigentlich müssen auch alle Firmen am Ende genau das tun: den Menschen, den Mitarbeiter, vor allem den Kunden verstehen. Dann werden sie Erfolg haben.

    Und es gibt für jedes Problem, jede Herausforderung neben dem üblichen Weg mindestens noch eine andere Lösung. Und zumeist lassen sich die so kompliziert erscheinenden Zusammenhänge doch auf wenige wichtige Faktoren reduzieren. Die dann immer wieder ähnlich sind.

    Ich las gerade eine Studie, publiziert von Rich Lesser, dem Chef von BCG über die Erfolgsgeheimnisse der erfolgreichsten CEOs:

    „An Algorithm for a Successful 21st Century CEO“. Erfolg wird hier gemessen an der wirtschaftlichen Stärke der Firma, dem Aktienkurs und derem langfristigen „Erbe“, dem nachhaltigen Einfluss auf die Firma.

    Erfolgreich sind vor allem die Chefs, die auf ein biologisches, systemisches Denken setzen, und am häufigsten die Worte Team, offen, System, Partner, Fähigkeiten, Lernen und Versuchen verwenden. Sie wissen, dass die Welt unsicher und komplex ist, und reagieren flexibel.

    Die weniger erfolgreichen Chefs dagegen setzen auf das mechanistische Denken, mit den Worten: Prozess, Zukunft, Plan, und Stärke im Mittelpunkt ihrer Kommunikation.

    Die erfolgreichen Firmenchefs gehen die großen Herausforderungen an und orientieren sich an den Mega-Trends dieser Welt, kommunizieren aber offen was dies für die Firma bedeutet und warum hier zu handeln wichtig ist. Dabei fordern sie sich selbst und die Mitarbeiter aus ihrer Komfortzone herauszukommen, überfordern sie zugleich aber nicht. Aber es ist ihnen auch klar: Wenn nie jemand gestresst ist, dann sind sie nicht weit genug gesprungen.

    Sie machen alle ein bis zwei Jahre eine größere Investition, und sie nehmen sich drei bis vier strategische Schritte im Jahr vor. Dabei achten sie darauf, gut vorbereitet zu sein, erkennen den günstigen Zeitpunkt zum Handeln und gehen kontrolliert überschaubarer Risiken ein, aus denen sie lernen können.

    Und es ist klar: sie verfolgen mehrere Pläne gleichzeitig, ohne vorab wissen zu können was Erfolg haben wird und was nicht. Anstatt auf Jahre voraus jeden Schritt zu planen, sind sie flexibel und anpassungsfähig. Und sie wissen, dass Erfolg vor allem darauf beruht, im Team arbeiten und wachsen zu können.

    Und ich denke mir dabei: Irgendwie passt es, dass ich Chefs berate. Was hier der Chef von BCG schreibt, jene Firma die damals vor 18 Jahren das Experiment wagte mich einzustellen und für vier Jahre zu behalten, kommt mir sehr bekannt vor. Viele Elemente davon entsprechen dem, was ich erst allein, dann gemeinsam mit der Familie teste – wie diese Weltreise, die bald endet. Und in zwei Wochen beginnt die interessante Herausforderung der Rückkehr.

    Heute sind wir die letzte Nacht in Cochabamba. Es hat allen sehr gut getan hier zu sein, Bolivien und Cochabamba ist freundlich und macht einen guten Eindruck. Wir haben uns hier in diesem schönen kleinen Hotel, in dem man problemlos einen Roman schreiben könnte oder einen Film drehen alle gut erholt.

    Wir waren vor der Tür im schönen kleinen Museum „Alcide d´Orbigny“, zu Ehren eines französischen Naturforschers, der 1826 zu einer siebenjährigen Forschungsreise nach Südamerika aufbrach. Ähnlich wie Alexander von Humboldt betrachtete er dabei die Natur als ein Ganzes, und unterstützte ein kosmopolitische Wissenschaft, die alles miteinander verband. In Bolivien, so schrieb d´Orbigny, findet man alle Klimazonen der Welt in einem Land vereint und damit die größte Vielfalt an Tieren und Pflanzen.

    Velis fand es gemein, dass dort nur tote Tiere ausgestellt waren, aber alle Kinder waren beeindruckt von Käfer und Spinnen, Pumas und Kaimanen, Kondoren und Schlangen.

    Und wir machten einen Ausflug mit der Gondelbahn hinauf zur großen Christustatue. Schließlich ist Bolivien das Land der Stadt-Gondelbahnen. In La Paz sind es mittlerweile 7 Bahnen, die als Kleinkabinenbahnen die bergige Stadt verbinden. Mehr sind geplant. Die hier in Cochabamba war eher einer der alten Sorte, wir warteten 2 Stunden bis es soweit war – ein Feierabendausflug für Bolivianer. Herunter ging es zu Fuß, bis alle Muskelkater in den Waden hatten.

    Morgen gib es noch das Endspiel der WM zu sehen, dann fliegen wir nach Uyuni, zu den Salzseen. Jetzt ist alles durchgeplant, das erste Mal auf der Reise – denn die Zeit wird knapp.

    Velis lernt den 4er-Zauberwürfel, Lysander schreibt sein Reisetagebuch fertig, Tara hat noch eine warme Jacke bekommen. Morpheus will daheim Karate lernen. Alle freuen sich riesig auf das Essen daheim und die Wohnung, die Freunde und alles was wir so lange nicht gehabt haben.

  • „our travel space“ – wie geht es weiter?

    „our travel space“ – wie geht es weiter?

    Mittwoch, 11. Juli 2018, 14.54, Hotel Aranjuez, Cochabamba, Bolivien

    „our travel space“ – wie geht es weiter?

    Mich hat schon immer die große Perspektive fasziniert. Denn es ist klar: Wir sind hier gemeinsam auf einem Planeten unterwegs, auf einer Reise durch das Weltall (englisch: space travel). Die Erde ist unser Spielraum (englisch: travel space), den Raum, den wir bereisen können. Und dann gibt es einen weiteren Raum, in uns. Es ist der Raum der Phantasie oder des Vorstellungsvermögens. Auch ihn können wir bereisen.

    Es ist auch klar: Wir haben einen begrenzten Zeitraum auf diesem Planeten. Woher wir kommen, wohin wir gehen, können wir nicht mit Gewissheit sagen. Wir wissen als Individuen, dass wir geboren werden und sterben werden. Auch dieser Planet Erde hat, nach dem was wir wissen, einen Anfang, wie auch das Universum. Und wohl auch ein Ende. Was davor und danach kommt können wir nicht sagen.

    Und dann gibt es Regel für diesen Spielraum. Wir lernen sie immer besser kennen. Die ersten Anleitungen haben viel Wert geschaffen, aber sie sind natürlich mit der Zeit veraltet. Weisheiten, die Religionsgründer und „weise“ Männer und Frauen über die Jahrtausende verkündet haben enthalten interessante Informationen. Aber auch viele Beschränkungen und Behauptungen, deren Wert heute fragwürdig erscheint.

    Also liegt es an uns herauszubekommen, was hier möglich ist und richtig ist, sowohl im Handeln da draußen als auch beim Blick nach innen. Hier ist das verfügbare Wissen zwar reichhaltig, aber zugleich auch erstaunlich begrenzt. Und es erscheint oft, als ständen wir erst ganz am Anfang.

    Nehmen wir die Geschichte. Ok, wir können eine Menge über große Reiche und erstaunliche Herrscher lernen. Aber vor allem viele Varianten, wie wir es nicht machen sollten. Denn war nicht Geschichte bis vor kurzem meist nur die Anwendung und Durchsetzung von Macht mit Gewalt?

    Dann gibt es viele große Denker, die bestimmte Modelle der Welt verkündet haben. Aber sehr oft sind sie eben genau das – Gedanken von Menschen, bei denen Behauptungen als Wahrheiten verkündet werden. Manche kann man lange studieren – aber es fehlt der eigentliche Beweis. Einige halten sich sehr lange, weil sie so gut klingen. Der größte Teil unseres „Alltagswissens“ besteht noch daraus.

    Hier kommt die Naturwissenschaft ins Spiel. Sie stellt Hypothesen auf, die getestet werden können. Meist kann man sie nur falsifizieren, also zeigen dass sie nicht stimmen. Was dann übrig bleibt ist vermutlich richtig – als Arbeitshypothese.

    In der Innenwelt, der Reich der Phantasie, aber auch der Erlebnisse und Erfahrungen wiederum gilt zuerst „anything goes“. Oft gelingt es dem, der nicht weiß oder glaubt dass es nicht geht dann zuletzt auch der Beweis, dass man Dinge, die nur in der Phantasie möglich erschienen tatsächlich auch draußen, in der physikalischen Welt hinbekommen kann. Etwa als Mensch zu fliegen.

    Vor allem aber ist die Innenwelt das im Zeitalter der „objektiven Wissenschaften“ das aus meine Sicht vernachlässigte eigentliche Spielfeld, denn was wir in uns erfahren hat am Ende die größte Bedeutung für uns.

    Mein Ansatz ist deshalb prinzipiell sehr einfach. Ich bin skeptisch, wenn jemand etwas mit Gewissheit verkündet. Ich bilde mir meine eigenen Hypothesen, schreibe sie auf und teste sie. Denn aus irgendeinem Grund habe ich schon immer Autoritäten angezweifelt. Oder ich hatte einfach mehr Lust, dem eigenen Weg zu folgen. Und ich habe immer dem „naiven“ Glauben gestärkt, dass ich die Dinge verstehen kann. Und dass etwas, was ich nicht verstehe, nicht unbedingt zu komplex sein muss, sondern vielleicht auch einfach schlecht erklärt oder falsch.

    Vor allem aber, so scheint es mir, gibt es für die wesentlichen Dinge im Leben, die Entscheidungen und Handlungen des Alltag keine gültige Anleitung. Das ist das Erstaunliche. Die Wissenschaft hält sich dort erstaunlich zurück. Ja, vor allem ist das ganze Innenleben ist am Ende noch praktisch unerforscht. Es wird darüber viel geschrieben. Aber das sind dann wieder Einzelmeinungen und Behauptungen.

    Betrachten wir nur einen einzigen Tag: Was geht in uns vor, in diesem 3-D-Film von 24 Stunden Laufzeit, mit all seinen Szenen, mit seiner grandiosen Multimedia-Show an gleichzeitig ablaufenden Kanälen: Bilder, Töne, Gerüche, Empfindungen von außen und Innen, Gefühle, Gedanken, Handlungen? Was steuern wir selbst, was wird von uns unbewusst erzeugt, welche Eindrücke nehmen wir wahr, welche Information dringt zu unserem Bewusstsein vor?

    Für mich ist deshalb klar: Wir stehen noch ganz am Anfang. Das ist ungeheuer faszinierend. Denn es bedeutet, wir werden sowohl über uns in der Welt noch so viel Neues lernen, als auch über die Welt in uns.

    Zugleich ist mir klar: Es gibt bereits ungeheuer viel Wissen. Es gab und gibt großartige Menschen, die wertvolle Beiträge geleistet haben. Aber es muss vielleicht zusammengesetzt werden. Hier begrenzt uns oft die traditionelle Logik des „entweder-oder“, des „richtig oder falsch“. Aus meiner Erfahrung passt oft der Widerspruch gut zusammen. Das heißt aber nicht, dass es alles nur Perspektiven sind und es keine Wahrheiten gibt. Es gibt besser und schlechter passend, weiter entwickelt und „primitiv“.

    Doch für den Alltag, für das tägliche Handeln fehlt oft noch die Gebrauchsanleitung. Jeder probiert so für sich herum. Nicht immer kommt dabei das Richtige heraus. Aber wir werden besser, Stück für Stück. Davon bin ich überzeugt.

    Vor allem, so glaube ich, wird es ein Gemeinschaftswerk. Wie Wikipedia zeigt, können Menschen gemeinsam an einem Wissenswerk arbeiten. Vielleicht brauchen wir ein ähnliches Gemeinschaftsprojekt, um herauszubekommen wie wir am besten funktionieren. Auf eine Art und Weise passiert ja genau das schon. Die erstaunlichen Fortschritte der letzten Jahrzehnte, von denen leider im Alltag so wenig gesprochen wird zeigen ja, dass die Menschen immer mehr wissen was ihnen guttut und was nicht.

    Auch wenn es nicht so aussieht, ist ja der objektiv weltweit konstante Rückgang der Gewalt vielleicht einer der bereits erkannten zentralen Erkenntnisse – Gewalt sollte vermieden werden. Und Rache ist keine optimale Option. Und unsere ständig wachsende Lebenserwartung zeigt, dass wir wissen was uns guttut, zumeist.

    Eine Reise um die Welt mit der Familie ist eine praktische Möglichkeit, unseren „Spielraum“ etwas besser kennenzulernen. Wie sieht die Welt aus, auf der wir leben? Was gibt es für Länder, Kulturen, Menschen? Und wie können wir sie ganz praktisch bereisen? Die vielleicht wichtigste Erkenntnis ist dabei – es geht.

    Und es ist für jeden von uns auch ein Möglichkeitsraum, für eine erweiterte Reise nach Innen. Was beschäftigt uns, wenn wir die Wahl haben und es kein externen Taktgeber wie Arbeit, Schule oder Kindergarten gibt? Welches Spiel wollen wir spielen, wenn uns langweilig ist? Wohin führt uns unsere Neugierde?

    Um bei meiner Lieblingshypothese zu bleiben: darüber nachdenken ist nur die halbe Sache, man muss es ausprobieren. Was es uns gebracht hat, ein Jahr um die Welt zu reisen werden wir alle auch erst im Nachhinein, wenn wir wieder daheim sind, beurteilen können.

    Aber es ist jetzt schon klar, es hat für uns alle, innen wie außen neue Erfahrungen ermöglicht und den Spielraum erweitert.

    Ich werde den Blog weiterführen, das habe ich längst beschlossen. Die Reise geht weiter, innen wie außen; und „our travel space“ hat mir viel zu viel Spaß gemacht um damit zu enden, wenn wir wieder zuhause in Berlin sind.

    Wir haben Peru verlassen, haben den Tag in El Alto, dem Flughafen von La Paz auf 4150 Meter verbracht und sind abends nach Cochabamba weitergeflogen. El Alto ist mit 850.000 Einwohnern auf jeden Fall die höchstgelegene (fast) Millonenstadt der Welt, im Hintergrund sieht man den Illimani mit 6462 Meter. Wir haben meinen Rucksack und eine große Tasche einfach mal so hinter der Gepäckkontrolle bei der Einreise vergessen – und zum Glück nach einem Schreck am Nachmittag dort wiedergefunden.

    Jetzt sind wir in Cochabamba, einer schön gelegenen Großstadt mit 600.000 Einwohnern auf 2600 Meter Höhe in einem etwas in die Jahre gekommenen, aber sehr gemütlichen Hotel im Kolonialstil, dem Aranjuez. Zeit zur Genesung für alle.