• Salar de Uyuni

    17. Juli 2018, 22.19, ein Salzhotel beim Salär de Uyuni, Bolivien

    Uyuni ist ein verschlafenes Städtchen mit einer einst bedeutenden Vergangenheit. Einst kreuzten sich hier die Eisenbahnstrecken, die von den Zinnminen nach Antofagasta in Chile führten. Mittlerweile sind es nur noch Friedhöfe der alten Dampflokomotiven, die hier zu finden sind und die Minen geschlossen. Die breiten Straßen zeugen noch von der alten Zeit. Heute aber sind es die Touristen, die in diesen kalten Wüstenort kommen.

    Wir waren in einem schönen Hotel und die Kinder spielten auf dem Jahrmarkt mit Blechspielzeug, bei dem der Antrieb des Karussells die Kinder der Schausteller waren.

    Und dann ging es los in die größte Salzsee-Landschaft der Erde, 10.000 km2, auf 3650 Meter in einer Hochebene ohne Abfluss gelegen.

    Eine atemberaubende Landschaften in weiß. Und darin wie aus Zauberhand eine Insel mit Kakteen. Traumhaft schön, für mich die vielleicht schönste Gegend der Reise.

    Jetzt schlafen wir in der Kälte in einem Hostel aus Salzsteinen, die örtliche Bauweise. Unser bolivianischer Führer hat mal Wirtschaft in La Paz und Genf studiert und 14 Jahre in der Schweiz gelebt. Er spricht neben Englisch auch Französisch und berichtet, dass hier auch die größten Lithiumvorräte der Welt zu finden sind.

    Morgen geht es weiter zu Vulkanen und Seen.

  • Eine 100% regenerative Weltwirtschaft ist möglich

    Montag, 16. Juli 2018, 10.10 Uhr, Uyuni, Bolivien

    Eine 100% regenerative Weltwirtschaft ist möglich

    Viele Menschen machen sich Sorgen um den weltweiten Anstieg des CO2-Spiegels in der Atmosphäre. Zu Recht. Wir können schlecht das in Jahrmillionen von Pflanzen aus der Atmosphäre entfernte Kohlendioxid in wenigen Jahrzehnten zurück in die Atmosphäre transportieren und erwarten, dass dies keinen Effekt hätte.

    Der Streitpunkt lautet aber: wie können wir den Anstieg stoppen? Es gibt viele die propagieren, wir müssten dazu unser Verhalten ändern. Uns einschränken. Weniger konsumieren, weniger reisen, mit weniger Komfort leben.

    Dies mag eine reizvolle Idee für viele sein. Es stimmt, „zurück zur Natur“ hat eine große Anziehung. Es gibt einen globalen Trend zu gesünderer Ernährung, alternativen Lebensweisen, einem Leben mehr im „Einklang mit der Natur“.

    Schauen wir uns aber die Zahlen an, wird klar: Es wird allein durch Verhaltensänderung nicht funktionieren. Denn in keinem Land der Welt entscheiden sich die Menschen freiwillig für weniger Wohnraum, kältere Wohnungen, weniger Besuche ihrer Freunde und Verwandten, weniger Autos, Flüge, Produkte. Ausnahmen bestätigen hier die Regel.

    Und die Idee einer guten Ökodiktatur“ halte ich für äußerst gefährlich. Auch Hitler war ein Vegetarier, der Vollkornbrot und alternative Heilmethoden gefördert hat. Und der gleiche Putin, der ohne Probleme über seinen Vasallen Assad eine halbe Million Menschen im sinnlosen Syrien-Krieg grausam töten lässt, verkündet gerne seine „alternativen“ Ideen von einem Leben ohne Pharmaindustrie, Impfungen und rein ökologischer Landwirtschaft.

    Ich glaube nicht daran, dass man Menschen zu einem Verhalten zwingen sollte. Wenn es ihnen einleuchtet, werden sie sich freiwillig dafür einsetzen, ihre Zukunft nicht zu zerstören. Viele haben ja geglaubt, es ist erst 40 Jahre her, wir müssten die chinesische Ein-Kind-Politik mit Zwang auf der ganzen Welt verbreiten, um die Welt vor der Überbevölkerung zu retten. Jetzt, 40 Jahre später sehen wir – auch in den Ländern die nicht auf Zwang gesetzt haben ist die Reproduktionsrate auf ungefähr 2 gefallen – Tendenz weiter sinkend. Weil sich die Menschen freiwillig dafür entschieden haben, weniger Kinder zu bekommen.

    In ZEIT, Süddeutsche und anderen Medien lese ich jetzt etwa –Flugreisen sind ein Verbrechen. Das ist wohlgemeint, aber ich halte auch diese Einstellung für gefährlich. Hier wird ein Graben aufgerissen, ein Graben der Intoleranz. Und es sind immer die anderen, über die dann „hergezogen“ werden kann. Am Liebsten über die Pauschaltouristen. Als wäre das nicht eben gerade die Mehrheit der Bevölkerung, hart arbeitend, die sich das ganze Jahr darauf freut ein paar Wochen „Sonne tanken“ zu können.

    Es heißt dann immer: Man kann auch vor Ort Urlaub machen. Regional. Mit dem Fahrrad. Zelten. Wandern. All das ist richtig, und – ich liebe diese Art Urlaub zu machen sehr. Ich habe meine halbe Jugend damit zugebracht, mit dem Zug und Fahrrad durch Europa zu fahren. Aber – es war meine freie Entscheidung. Ich hatte viel Zeit und wenig Geld. Ich hatte keine Kinder. Ich wollte etwas erleben. Ich glaube, der regionale Tourismus hat eine große Zukunft, und er sollte gefördert werden.

    Aber: die Welt ist groß, und es ist ein Unterschied, ob ich in Brandenburg in einem Café sitze oder in Italien. Es ist ein Unterschied, ob ich in Ägypten sicher 35 Grad Lufttemperatur habe und 28 Grad im Wasser, oder ob ich an der Ostsee bin – wo es auch mal eine Woche regnen kann, genau wenn ich dort bin. Beides ist schön. Und es ist sehr schön, die Wahl zu haben.

    Wir Deutsche sind Reiseweltmeister. Das macht diese Diskussion noch fragwürdiger. Wir sind überall auf der Welt zu finden. Was ist denn mit den Chinesen und Indern? In ein paar Jahrzehnten den Afrikanern? Sollen die dieses Recht auf Reisen nicht haben? Oder nur in ihrem Land reisen dürfen, wo doch jeder gerne einmal dieses legendäre „Paris“, „Berlin“ oder „Los Angeles“ kennenlernen würde?

    Man kann sich auch einfach die Zahlen anschauen. Die weltweit zurückgelegten Kilometer, ob mit Auto, Bus, Schiff, Zug, Flugzeug – sie steigen. Sie sind die letzten 100 Jahre angestiegen. Die Prognosen sind stabil, meist werden sie überboten. Es gibt keinen vernünftigen Grund zu glauben, dass dieser Trend schon sein Maximum erreicht hätte, nicht einmal im Reiseweltmeisterland Deutschland. Und die Welt wächst weiter zusammen. Distanzen schrumpfen. Für viele wichtige Aufgaben sucht man die besten Talente nicht nur vor Ort. Die Mobilität, ob privat oder beruflich wird weiter zunehmen.

    Neben dem Reisen gibt es weitere große Energieverbraucher. Heizung, Industrie, Nahrungsmittelproduktion. Hierzu auch nur ein paar Eckpunkte: Auch wenn die Bevölkerung in immer mehr Ländern nicht mehr wächst – die Quadratmeter pro Kopf an Wohnfläche nehmen weiter zu. Auch in Deutschland. Wir reden ja gerne davon, dass es an Wohnraum mangelt. Es mangelt aber deshalb an Wohnraum, weil immer mehr Menschen in den begehrten Städten leben wollen, und dort auf immer mehr Quadratmeter. Auch diese Wohnungen müssen gebaut werden, mit Energieverbrauch, und beheizt werden.

    Die Industrieproduktion wächst auch. Auch hier gilt – glauben wir wirklich wir könnten oder sollten das verhindern? Ist nicht der Wachstum an Wohlstand und Frieden, den wir seit dem 2. Weltkrieg weltweit erlebt haben unmittelbar miteinander verknüpft? Die steigende Lebenserwartung die Folge davon?

    Schließlich die Landwirtschaft. Wir werden eine wachsende Bevölkerung (die Prognosen gehen derzeit von einem Maximum von 12 Milliarden Menschen aus, bevor sie wieder sinken wird) ernähren müssen. Das wird nur gehen, wenn wir die Erträge pro Fläche deutlich erhöhen, wenn wir verhindern wollen dass noch mehr Urwald abgeholzt wird um es für Ackerbau und Viehzucht zu verwenden. Ich weiß, dies hören viele nicht gerne, aber auch das bedeutet dass wir nicht weniger, sondern noch mehr Fortschritt in der Landwirtschaft brauchen. Bessere, resistentere Sorten, weniger Verluste bei Anbau, Lagerung, Transport.

    All das benötigt mehr, nicht weniger Energie.

    Steuern wir also unaufhaltsam auf die Katastrophe zu? Dies glauben leider zu viele, und zu oft lesen wir von diesen Warnungen. Ich möchte hier eine andere, fundierte Meinung vertreten.

    1. Die Menschen werden nicht weniger, sondern mehr konsumieren.

    2. Appelle an „Konsumverzicht“ mögen punktuell Wirkung zeigen, in der globalen Perspektive sind sie unbedeutend

    3. Für Frieden und Wohlstand und eine gerechtere Welt ist ein weiteres Wachstum unverzichtbar, es sollte gefördert und nicht behindert werden

    4. Es gibt keine Knappheit an Energie oder Rohstoffen. Beide sind ausreichend vorhanden, auch auf lange Sicht.

    5. Was wir brauchen ist weiteren technischen und organisatorischen Fortschritt und besseres Management – und hier sind Marktwirtschaft und gute Politik der Schlüssel

    Was bedeutet das konkret? Ich möchte hier besonders auf die Punkte 4 und 5 eingehen, denn hier herrscht die größte „Verwirrung“ aus meiner Sicht.

    Es ist für mich klar, es gibt eine „Bedürfnispyramide“, wie sie etwa Maslow formuliert hat. In seiner späteren Version von 1970 sind hier nacheinander:

    Physiologische Bedürfnisse, Sicherheitsbedürfnisse, Soziale Bedürfnisse, Kognitive Bedürfnisse, Ästhetische Bedürfnisse, Selbstverwirklichung und Transzendenz

    aufgeführt. Es ist klar – ist ein Bedürfnis erfüllt, dann verliert es an Bedeutung, und wir können uns intensiv mit dem nächsten Bedürfnis auseinandersetzen. Aber wir können keine Schritte überspringen. Und damit ist klar: Bis es uns allen so gut geht, dass wir uns alle mit dem „globalen Ganzen“, der Transzendenz beschäftigen werden ist es noch ein Weg. Es gibt keine Abkürzung. Vor allem nicht für die Länder, die erst gerade Hunger oder Krieg überwunden haben. Die Rettung des Globus oder die Lösung des Plastik-Problems wird bei ihnen nicht gleich ganz oben stehen.

    Schließlich bezweifle ich aber auch, dass die, die schon alles haben tatsächlich den Verzicht wählen werden. Sicher, ein Prince Charles setzt sich – aus der Perspektive seines Schlosses – für bessere Landwirtschaft und mehr Ökologie, für menschenfreundliche Architektur und viel gute Dinge ein. Ich habe aber nicht gehört, dass er deshalb in ein Reihenhaus gezogen ist, um den ökologischen Fußabdruck zu vermindern. Ich bezweifle sogar, dass dies wesentlich ist. Ich sehe eine Tendenz des Menschen, sich immer weiter entwickeln zu wollen – und halte diese auch für gut. Sie werden vielleicht andere Schwerpunkte wählen sich zu engagieren, wenn die Grundprobleme gelöst sind. Aber das Pendel wird weiter schwingen, zwischen Askese und Ekstase, zwischen Verzicht und der nächsten reizvollen Idee, die mit Konsum verbunden ist.

    Schließlich glaube ich auch, dass wir das Wachstum brauchen. Eine Welt ohne Wachstum wäre Stillstand, und Stillstand ist rein physikalisch ist der absolute Nullpunkt an Kälte, physiologisch ist es der Tod. Es ist eher ein falsches Verständnis von Wachstum, dass uns behindert. Es ist das Modell der Begrenzung. Sicher: immer mehr verbrannte fossile Ressourcen mit den Abgasen in der Luft, immer mehr Abfälle und Gifte im Meer, immer mehr Wälder abgeholzt- das wird irgendwann nicht mehr gutgehen. Es ist eine reale Gefahr.

    Aber – und das ist für mich zentral: es sind Zwischenstufen, es sind „primitive“ Technologien. Wir haben das Feuer nutzbar gemacht, und jetzt wird zu viel verbrannt. Aber die nächste Stufe der Entwicklung ist längst da. Vor 150 Jahren wurde der Strom nutzbar gemacht, was auf uns wartet ist das Zeitalter der zweiten Welle der Elektrizität. Hier war auch Lenin visionär: Es ist die Elektrifizierung, die den Globus verändern wird. Strom an sich erzeugt keine Abgase, verbraucht keine Ressourcen. Man muss ihn nur nachhaltig erzeugen. Und es gibt sie, diese unerschöpflichen Energiequellen. Seit Milliarden von Jahren scheint die Sonne und weht durch sie erwärmt der Wind. Sie wird weiter scheinen, der Wind wird weiter wehen, die nächsten Milliarden von Jahren.

    Und – wir können sie nutzbar machen. War das vor 50 Jahren eine Vision, eine kühne Vision, so ist es jetzt Wirklichkeit. Nicht nur etwas, das im Labor funktioniert, oder für ein paar alternative Bastler reizvoll ist. Es ist auch konkurrenzfähig. Ein einmaliges Beispiel, wie Ökonomie und Ökologie sich gegenseitig befruchten. Am Anfang standen viele Ideen, es kamen Jahre der Forschung und Entwicklung, der kleinen und großen Versuche dazu, der besten Idee zum „fliegen“ zu verhelfen. Jetzt haben wir die Beispiele, sie stehen nicht irgendwo, sie sind in Deutschland zu finden. Draußen in der Nordsee stehen die Windkraftanlagen, die Strom liefern, nicht nur etwas Strom, nein im Gigawattbereich. Die neuen Felder ersetzen ganze Atomkraftwerke und erzeugen günstigen Strom.

    Und durch die vielen Solarzellenpanels auf bayrischen Bauernhöfen, brandenburgischen Wiesen und schwäbischen Häuslebesitzern wurde auch für Solarzellen ein Preisverfall erreicht, der unvorstellbar war. Er hat, wie es die Ökonomie erwarten lässt, in eine harten Wettbewerb viele Anbieter aus dem Markt gedrängt. Die verbliebenen bauen aber in solchen Stückzahlen Solarpanels, so günstig, dass letztes Jahr bei der Neuinstallation weltweit mehr regenerative Energie installiert wurde als in konventionelle Kraftwerke. Kohle, Öl, Gas. All das, was so unerreichbar fern erschien, so visionär.

    Der weitere Weg ist deshalb klar, und wir müssen ihn energisch beschreiten. Er lautet als Ziel. 100% regenerativ. Weltweit. Nicht nur die Stromerzeugung muss und wird auf 100% regenerativ umgestellt werden, alle Energieerzeugung muss am Ende (bis auf kleine Nischen) durch regenerative Energien erfolgen. Ist das ein kühner Traum? Nein, überhaupt nicht. Wie es der ehemalige amerikanische Vizepräsident Al Gore mit großem Einsatz weltweit verkündet: Es ist das größte Geschäft der Neuzeit. Es wird tausende von Milliarden Euro Investitionen bedeuten, und Arbeitsplätze für die nächsten 50 Jahre erzeugen, weltweit.

    Die Analysen sind realistisch, es gibt sie jetzt schon, die Studien die zeigen wie man es machen muss. Es bedeutet vor allem ein starker Ausbau von Sonne und Wind. Weltweit. Es ist lächerlich zu behaupten es gäbe nicht die Flächen in Wüste und auch im Meer, die man dafür benötigt. Dort, wo es weniger Sonne gibt, gibt es meist mehr Wind. Und man braucht neue, bessere Netze, die intelligent auf Schwankungen reagieren können. Eine Art Internet des Stroms. Mit dezentralen Knoten, und großen Transatlantikkabeln, die die Kontinente verbinden. Denn es weht immer irgendwo der Wind und es scheint immer irgendwo die Sonne. Und man braucht Speicher, viel Speicher. Das können Wasserpumpkraftwerke sein oder Bleiakkus, Lithium-Batterien, Wasserstoff oder noch zu entwickelnde Technologien.

    Und Schritt für Schritt wird alles auf Strom umgestellt werden. Die Elektroflugzeug-Prototypen sind bei Airbus schon in der Entwicklung, das erste wird ein Regionalflugzeug sein. Für Schiffe wird es Lösungen geben. Für Autos sowieso, für Lastwagen auch. Bei Wohnungen kann über die richtige Bauweise ein minimaler Energieverbrauch erreicht werden, der Rest kann mit Strom und Wärmepumpen erzeugt werden. Es wird funktionieren. Und so können wir auch weiter reisen, fliegen, heizen, lange warm duschen, neue Produkte kaufen. Mit einem guten Gewissen.

    Man kann über die Chinesen viel Gutes oder Schlechtes sagen. Aber nicht, dass sie diesen Trend verschlafen. Nein, sie sind ganz vorne dabei. Sie propagieren und bauen die neuen Hochvolt-Gleichstromleitungen, die man dafür braucht. Sie investieren radikal in Sonnenenergie, mehr als die Welt zusammen. Sie bauen das größte Hochgeschwindigkeitszugnetz der Welt. Und sie wissen – auch ihre Bevölkerung wird sich den Smog und die Luftverschmutzung nicht mehr lange bieten lassen, die das schnelle Wachstum mit Kohlekraftwerken gekostet hat. Und sie bauen Batteriefabriken. Denn wohin am Besten mit dem Strom, der an manchen Stunden und Tagen im Überfluss anfällt. Man kann damit die Speicher der Elektroautos füllen, vielleicht eines Tages auch jedes Haushaltsgeräts, wenn es per „Vorschrift“ einen kleinen Speicher enthält, der Strom speichern und abgeben kann. 2 Milliarden Kühlschränke mit einer kWh an Speicher – schon wäre ein Großteil des Pufferbedarfs gelöst.

    Das ist nur eine Idee. Es werden viele Ideen entwickelt werden, und die besten sich durchsetzen. Wir in Deutschland haben mit dem Energieeinspeisungsgesetz schon einmal gezeigt, wie man es machen muss. Es muss entschlossen in diese Richtung weiter gehen. Bis die Welt 100% regenerativ ist.

    Und das CO2 in der Luft? Wie bekommen wir es heraus? Auch hier werden Technologien entwickelt werden. Diese brauchen aber selbst große Mengen an Energie. Viel einfacher erscheint mir eine andere Lösung. Pflanzen, Bäume. Wir müssen herausbekommen, welche Pflanzen wie am umweltfreundlichsten am meisten und am schnellsten CO2 aus der Luft holen. Und global Bäume pflanzen. Die Welt war einmal fast überall mit Bäumen bedeckt. Wir können den Planeten wieder begrünen. Dies findet bereits statt, seit dem 2. Weltkrieg wurden weltweit große Flächen aufgeforstet. Eine kurze Recherche zeigt aber – es gibt noch keine verlässlichen Daten dazu, wie man mit Pflanzen CO2 am besten aus der Luft holt. Auch das eine verlockende Aufgabe, wir bräuchten in Deutschland hierzu die besten Forscher. Es wird kommen.

    Wir können es schaffen. Global und lokal. Auch hier gibt es schon viele Initiativen in vielen Ländern. Auch das muss zur globalen Chefsache erklärt werden. Weil es so einfach und einleuchtend ist, denn es verbessert auch die Lebensqualität der Menschen. Und mit dem unvermeidlichen Anstieg an Temperatur umgehen lernen. Er mag ja auch Chancen für viele Länder bieten. Andere muss man unterstützen. Aber auch der Großteil von Holland liegt unter dem Meeresspiegel, warum sollte man nicht auch in Bangladesch für den Anstieg des Wassers eine Weg finden?

    Bleibt die Frage der Rohstoffe und Abfälle. Auch hier ist die Lösung offensichtlich. Es wird von diesem Planeten kein Atom verloren gehen. Kein Tropfen Wasser. Die Natur macht es vor, seit Milliarden von Jahren produziert sie im Überfluss und recycelt. Sie lässt die Kastanie tausende von Kastanien produzieren, nur eine wird zum Erhalt der Bäume benötigt, alle andere sind „Überfluss“. Das muss unser Vorbild sein. Wir können so viel wir wollen produzieren, mit Energie die von der Sonne kommt und mit Rohstoffen die wir in eine Kreislaufwirtschaft einbinden.

    Hier liegt noch ein längerer Weg vor uns, aber er ist technisch und organisatorisch lösbar. Wir müssen es nur anpacken. Es gibt auch keine Knappheit an Wasser auf diesem Planeten, wir müssen das Wasser nur effizient nutzen und besser verteilen. Selbst beim kritischen Thema Meerwasserentsalzung gibt es große Fortschritte zu verzeichnen. Bald wird auch hier der technische Fortschritt Wasser günstig ohne CO2-Belastung dort verfügbar machen, wo es jetzt noch knapp ist. Etwa, um das Bevölkerungswachstum von Afrika zu ernähren.

    Selbst beim kritischen Thema Plastik sehe ich nur diesen Weg. Eine Welt ohne Kunststoffe ist eine Illusion. Auch hier werden wir den Trend nicht umkehren, denn Kunststoffe haben die Welt verbessert. Was wir aber sicherstellen müssen – diese müssen entweder wiederverwendet, verbrannt oder biologisch abgebaut werden. Und es muss verhindert werden, dass Plastik erst in Flüssen, und dann im Meer landet. Für einen Zwischenzeitraum wird die „thermische“ Nutzung dieses Erdölprodukts eine vernünftige Lösung für die Situationen sein, wo wir noch nicht ganz auf Verbrennungskraftwerke verzichten können. Es gibt viele Techniken, wie man dies umweltfreundlich machen kann.

    Aber am Ende werden wir auch hier von der Natur lernen. Es gibt praktisch nichts, was sie nicht kann. Es gibt sie, die Bakterien und Würmer, die Kunststoffe verspeisen, und ich glaube sogar, sie werden ohne unser Zutun ein Großteil der Arbeit selbst erledigen. Denn wo eine Aufgabe ist, wo Nahrung ist, da findet die Natur auch durch gezielte Punktmutationen in wenig Generationen einen Lösung diese Nahrung nutzbar zu machen.

    Für die Kreislaufwirtschaft gibt es gewaltige Aufgaben, die vor uns liegen. Sie werden eine der zentralen Industrien neben Tourismus und Gesundheit sein, die weltweit die Arbeitsplätze der nächsten 50 und 100 Jahre schaffen werden. Denn die künstliche Intelligenz und die Roboter kommen, das ist klar. Und dennoch: Wir werden mehr als genug Arbeit haben, auch in Deutschland. Wir werden deswegen auch weiter Zuwanderung brauchen, denn sonst fehlen uns die Arbeitskräfte.

    Wir werden die Probleme lösen und können uns für unsere Kinder auf eine großartige Zukunft freuen können, davon bin ich überzeugt. Es gibt derzeit viele Probleme, viele Herausforderungen. Aber kein Grund zum Pessimismus. Und Verzicht ist keine Lösung, denn ohne Konsum funktioniert die Wirtschaft nicht, und dann fehlt das Geld und der Konsens, diese wichtigen Umweltfragen anzugehen.

    Vor allem gilt es jetzt, den Optimismus zu verbreiten dass es sich lohnt, und die Aufgaben anpacken, um den Menschen eine gute Zukunft zu bereiten und die Natur auf diesem wunderbaren Planeten zu erhalten.

    Ich freue mich darauf.

  • Alles ist verbunden

    Samstag, 14. Juli 2018, 16.18 Uhr

    Alles ist verbunden

    Ich bin ja schon immer davon überzeugt gewesen – alles hängt mit allem zusammen und man kann, wenn man die Welt mit Neugierde und Begeisterung betrachtet, überall etwas lernen. Und das dann oft ganz wo anders anwenden. Manchmal funktioniert das sogar erstaunlich gut.

    Für Steve Jobs, dem Schulabbrecher, war etwa der chinesische Kalligraphie-Kurs, den er an der Uni mithörte ohne eingeschrieben zu sein eine der wichtigsten Erfahrungen. Er lernte dort, wie groß die Bedeutung von Schönheit und Genauigkeit in einer Kultur sein kann. Später, beim Apple achtete er deshalb genauestens auf das optische Erscheinungsbild von Gerät, Schrift, Symbolen etc. – und revolutionierte damit den Markt der „grauen Kästen“.

    Ich nenne diese Art zu lernen „latentes Lernen“, „beiläufiges Lernen“, weil sie nicht zielgerichtet ist. Und ich glaube, dass sie den größten Teil des Lernens ausmacht. Bei mir jedenfalls ist es eigentlich immer genau so: Kaum „muss“ ich etwas lernen, habe ich dazu keine Lust mehr, und es fällt mir schwer es mir zu merken. Finde ich dagegen etwas beiläufig, in einem interessanten Artikel, Vortrag oder schnappe es irgendwo auf, dann kann ich mich dafür sehr begeistern, vor allem wenn ich damit eine Verbindung, eine Assoziation herstellen kann.

    Das Ergebnis ist am Anfang nicht absehbar. Es kann aber erstaunliche Folgen haben.

    Bei mir sah es so aus: Mir fiel es sehr schwer, mich für ein Fach hinzusetzen und Dinge auswendig zu lernen. Oder überhaupt eine Entscheidung zu treffen, was ich lernen oder einmal werden sollte. Mir war dagegen immer klar, dass ich gerne gelesen habe (aber nur, wenn es freiwillig war!), und dass ich gerne gereist bin (aber nur, wenn es keinen Zweck, kein Ziel verfolgte).

    Das führte dann dazu, dass meine Hauptmotivation mich anzustrengen darin bestand, die nächste Reise machen zu können. Und dafür wiederum musste ich die Schule, die Prüfungen an der Uni hinbekommen und nebenher noch Geld verdienen. Und um noch keine Entscheidung treffen zu müssen, was ich einmal machen sollte, begann ich nach der Schule erst einmal zu reisen.

    Und dann Zivildienst zu machen, denn ich wollte nicht zur Bundeswehr, das war mir klar. Danach wusste ich dann, dass ich studieren wollte. Denn nach Arbeit in der Fabrik (um das Geld für die erste Reise zu verdienen) und beim Zivildienst im Pflegedienst im Krankenhaus und in der Betreuung von Schwerstbehinderten war mir klar – das geht auf Dauer gar nicht. Also auf jeden Fall studieren.

    Da erschien Medizin geeignet, es dauert ewig und Reisen und Medizin passt gut zusammen, so dachte ich mir. Was ich damit einmal machen wollte blieb mir selbst ein Rätsel, das ich gut verdrängte.

    Vor allem motivierte das Reisen mich weiterzumachen, denn so schien es mir, mit nichts bekommt man mehr Anerkennung denn als Medizinstudent auf Reisen.

    Überall war man willkommen, und so wurden es lange Reisen – ein halbes Jahr auf dem Landweg durch Afrika, ein halbes Jahr auf dem Landweg nach Indien, ein halbes Jahr durch Mittel- und Südamerika. Und mein Studium dauerte ewig, fast 10 Jahre.

    Dort, unterwegs, gab es wenig zu lesen. Und ich war immer heilfroh, wenn es eine Zeitschrift gab, auch auf Englisch, die interessant erschien. Ganz vorne der Economist, eine englische Wochenzeitschrift mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und Artikeln über alle Länder der Welt. Und so begann ich, ohne jede Absicht, etwas über Wirtschaft zu lesen, auf Englisch, ich hatte ja nichts anderes.

    Später dann, ich arbeitete schon im Krankenhaus in der Unfallchirurgie, (ich nannte es mein „Arbeitspraktikum im Lebensstudium“), da wusste aber immer noch dass ich keinesfalls dort enden wollte, als ich eine Anzeige einer Unternehmensberatung im Ärzteblatt las. An Ärzte gerichtet, mit einem Zitat so ungefähr wie: „Um neue Kontinente zu entdecken, muss man bereit sein die Sicht auf das Ufer zu verlassen“, und einer Statue, die im Wasser versank.

    Das leuchtete mir ein. Bald hatte ich im Krankenhaus gekündigt, einen Job als Kleinlasterfahrer (zum Geldverdienen und frei sein) und nach ein paar Monaten bewarb mich für einen Job in der Wirtschaft, bei einer der großen Unternehmensberatungen. Die Bewerbungsgespräche und Trainings waren ungewöhnlich, und ich war etwa mit der Aufgabe konfrontiert innerhalb von 2 Stunden eine Präsentation zu basteln, wie ich denn potentiellen Geldgeber für meinen Online-Shop für Weiße Ware (Waschmaschinen etc.) überzeugen wollte. Mir machte das ganze Spaß, und ich bekam ein Jobangebot.

    Kurzum, ich stellte tatsächlich fest, dass man da draußen in der Wirtschaft überleben kann ohne dass man nur eine einzige Vorlesung BWL besucht hat. Meine Methode: ich überlege mir selbst, was mir dazu einfällt, und nutze mein über die Jahre gut trainiertes assoziatives Denken. Bin neugierig, bereite mich gut durch Internet-Recherchen vor und fokussiere mich auf das Wesentliche. Auf meine Aufmerksamkeit und Reflexe, die ich auf Reisen trainiert habe. Auf meine Fähigkeit, mich empathisch auf ein Gegenüber einzustellen und neugierig zu sein. Den diagnostischen Spürsinn, den man sich auch als Arzt angeeignet hat. Und ein bisschen Schauspielern braucht man im Krankenhaus genauso wie beim Auftritt beim Kunden.

    Jetzt, fast 20 Jahre später weiß ich, es funktioniert. Ich habe nie wieder darüber nachgedacht im Krankenhaus zu arbeiten. Ich mache immer noch Projekte, und bei jedem Projekt ist es wieder eine ganz neue Welt, mit der ich mich beschäftige. Manche gehen nur Wochen, manche Jahre. Und sie erfordern viel Einsatz, oft sehr viel, viel Reisen. Aber dann gibt es auch Zeiten ohne Projekt. Mit viel Zeit.

    Ich mache viele Pausen, war für jedes unserer vier Kinder ein Jahr in Elternzeit und immer wieder viel auf Reisen, aber natürlich, seit Lysander in der Schule ist nur noch kurz. Und ich bleibe neugierig, wie es weiter funktioniert. Auf eine Art bin ich selbst am meisten überrascht, dass es geht. Ich hatte nie gelesen oder gehört dass man so leben kann.

    Es erschien mir eher als der Test von einem Traum von mir, von einer meinen Hypothesen – es muss doch möglich sein, es so zu machen wie es mir gefällt. Und dauerhaft, jahrelang immer täglich das Gleiche zu machen wollte ich nie. Dagegen kann ich mich wunderbar für eine Sache für eine Weile voll begeistern und alles geben. Wenn ich dann wieder ein paar Monate oder ein Jahr Zeit habe meiner Neugierde zu folgen.

    Alles ist mit allem verbunden, und man kann überall nach Ähnlichkeiten oder Übertragbarkeit suchen. So bin ich in Vielem eher auf der Suche nach Innen, um dort zu entdecken.

    Habe viele Workshops und Seminare besucht, aber selten welche über Wirtschaft oder Medizin, das langweilt mich meist sofort. Weil es nicht um mich geht.

    Dafür habe ich viel Zeit in Selbsterfahrungskursen, auf Techno-Parties, in Ashrams und Meditationsgruppen verbracht. Um mehr über mich selbst zu erfahren. Das Interessante dabei aber ist: Versteht man sich selbst mehr, versteht man auch die anderen mehr. Und das ist fast das Wichtigste, wenn man mit Menschen erfolgreich zusammenleben oder zusammenarbeiten will.

    Und eigentlich müssen auch alle Firmen am Ende genau das tun: den Menschen, den Mitarbeiter, vor allem den Kunden verstehen. Dann werden sie Erfolg haben.

    Und es gibt für jedes Problem, jede Herausforderung neben dem üblichen Weg mindestens noch eine andere Lösung. Und zumeist lassen sich die so kompliziert erscheinenden Zusammenhänge doch auf wenige wichtige Faktoren reduzieren. Die dann immer wieder ähnlich sind.

    Ich las gerade eine Studie, publiziert von Rich Lesser, dem Chef von BCG über die Erfolgsgeheimnisse der erfolgreichsten CEOs:

    „An Algorithm for a Successful 21st Century CEO“. Erfolg wird hier gemessen an der wirtschaftlichen Stärke der Firma, dem Aktienkurs und derem langfristigen „Erbe“, dem nachhaltigen Einfluss auf die Firma.

    Erfolgreich sind vor allem die Chefs, die auf ein biologisches, systemisches Denken setzen, und am häufigsten die Worte Team, offen, System, Partner, Fähigkeiten, Lernen und Versuchen verwenden. Sie wissen, dass die Welt unsicher und komplex ist, und reagieren flexibel.

    Die weniger erfolgreichen Chefs dagegen setzen auf das mechanistische Denken, mit den Worten: Prozess, Zukunft, Plan, und Stärke im Mittelpunkt ihrer Kommunikation.

    Die erfolgreichen Firmenchefs gehen die großen Herausforderungen an und orientieren sich an den Mega-Trends dieser Welt, kommunizieren aber offen was dies für die Firma bedeutet und warum hier zu handeln wichtig ist. Dabei fordern sie sich selbst und die Mitarbeiter aus ihrer Komfortzone herauszukommen, überfordern sie zugleich aber nicht. Aber es ist ihnen auch klar: Wenn nie jemand gestresst ist, dann sind sie nicht weit genug gesprungen.

    Sie machen alle ein bis zwei Jahre eine größere Investition, und sie nehmen sich drei bis vier strategische Schritte im Jahr vor. Dabei achten sie darauf, gut vorbereitet zu sein, erkennen den günstigen Zeitpunkt zum Handeln und gehen kontrolliert überschaubarer Risiken ein, aus denen sie lernen können.

    Und es ist klar: sie verfolgen mehrere Pläne gleichzeitig, ohne vorab wissen zu können was Erfolg haben wird und was nicht. Anstatt auf Jahre voraus jeden Schritt zu planen, sind sie flexibel und anpassungsfähig. Und sie wissen, dass Erfolg vor allem darauf beruht, im Team arbeiten und wachsen zu können.

    Und ich denke mir dabei: Irgendwie passt es, dass ich Chefs berate. Was hier der Chef von BCG schreibt, jene Firma die damals vor 18 Jahren das Experiment wagte mich einzustellen und für vier Jahre zu behalten, kommt mir sehr bekannt vor. Viele Elemente davon entsprechen dem, was ich erst allein, dann gemeinsam mit der Familie teste – wie diese Weltreise, die bald endet. Und in zwei Wochen beginnt die interessante Herausforderung der Rückkehr.

    Heute sind wir die letzte Nacht in Cochabamba. Es hat allen sehr gut getan hier zu sein, Bolivien und Cochabamba ist freundlich und macht einen guten Eindruck. Wir haben uns hier in diesem schönen kleinen Hotel, in dem man problemlos einen Roman schreiben könnte oder einen Film drehen alle gut erholt.

    Wir waren vor der Tür im schönen kleinen Museum „Alcide d´Orbigny“, zu Ehren eines französischen Naturforschers, der 1826 zu einer siebenjährigen Forschungsreise nach Südamerika aufbrach. Ähnlich wie Alexander von Humboldt betrachtete er dabei die Natur als ein Ganzes, und unterstützte ein kosmopolitische Wissenschaft, die alles miteinander verband. In Bolivien, so schrieb d´Orbigny, findet man alle Klimazonen der Welt in einem Land vereint und damit die größte Vielfalt an Tieren und Pflanzen.

    Velis fand es gemein, dass dort nur tote Tiere ausgestellt waren, aber alle Kinder waren beeindruckt von Käfer und Spinnen, Pumas und Kaimanen, Kondoren und Schlangen.

    Und wir machten einen Ausflug mit der Gondelbahn hinauf zur großen Christustatue. Schließlich ist Bolivien das Land der Stadt-Gondelbahnen. In La Paz sind es mittlerweile 7 Bahnen, die als Kleinkabinenbahnen die bergige Stadt verbinden. Mehr sind geplant. Die hier in Cochabamba war eher einer der alten Sorte, wir warteten 2 Stunden bis es soweit war – ein Feierabendausflug für Bolivianer. Herunter ging es zu Fuß, bis alle Muskelkater in den Waden hatten.

    Morgen gib es noch das Endspiel der WM zu sehen, dann fliegen wir nach Uyuni, zu den Salzseen. Jetzt ist alles durchgeplant, das erste Mal auf der Reise – denn die Zeit wird knapp.

    Velis lernt den 4er-Zauberwürfel, Lysander schreibt sein Reisetagebuch fertig, Tara hat noch eine warme Jacke bekommen. Morpheus will daheim Karate lernen. Alle freuen sich riesig auf das Essen daheim und die Wohnung, die Freunde und alles was wir so lange nicht gehabt haben.

  • „our travel space“ – wie geht es weiter?

    Mittwoch, 11. Juli 2018, 14.54, Hotel Aranjuez, Cochabamba, Bolivien

    „our travel space“ – wie geht es weiter?

    Mich hat schon immer die große Perspektive fasziniert. Denn es ist klar: Wir sind hier gemeinsam auf einem Planeten unterwegs, auf einer Reise durch das Weltall (englisch: space travel). Die Erde ist unser Spielraum (englisch: travel space), den Raum, den wir bereisen können. Und dann gibt es einen weiteren Raum, in uns. Es ist der Raum der Phantasie oder des Vorstellungsvermögens. Auch ihn können wir bereisen.

    Es ist auch klar: Wir haben einen begrenzten Zeitraum auf diesem Planeten. Woher wir kommen, wohin wir gehen, können wir nicht mit Gewissheit sagen. Wir wissen als Individuen, dass wir geboren werden und sterben werden. Auch dieser Planet Erde hat, nach dem was wir wissen, einen Anfang, wie auch das Universum. Und wohl auch ein Ende. Was davor und danach kommt können wir nicht sagen.

    Und dann gibt es Regel für diesen Spielraum. Wir lernen sie immer besser kennen. Die ersten Anleitungen haben viel Wert geschaffen, aber sie sind natürlich mit der Zeit veraltet. Weisheiten, die Religionsgründer und „weise“ Männer und Frauen über die Jahrtausende verkündet haben enthalten interessante Informationen. Aber auch viele Beschränkungen und Behauptungen, deren Wert heute fragwürdig erscheint.

    Also liegt es an uns herauszubekommen, was hier möglich ist und richtig ist, sowohl im Handeln da draußen als auch beim Blick nach innen. Hier ist das verfügbare Wissen zwar reichhaltig, aber zugleich auch erstaunlich begrenzt. Und es erscheint oft, als ständen wir erst ganz am Anfang.

    Nehmen wir die Geschichte. Ok, wir können eine Menge über große Reiche und erstaunliche Herrscher lernen. Aber vor allem viele Varianten, wie wir es nicht machen sollten. Denn war nicht Geschichte bis vor kurzem meist nur die Anwendung und Durchsetzung von Macht mit Gewalt?

    Dann gibt es viele große Denker, die bestimmte Modelle der Welt verkündet haben. Aber sehr oft sind sie eben genau das – Gedanken von Menschen, bei denen Behauptungen als Wahrheiten verkündet werden. Manche kann man lange studieren – aber es fehlt der eigentliche Beweis. Einige halten sich sehr lange, weil sie so gut klingen. Der größte Teil unseres „Alltagswissens“ besteht noch daraus.

    Hier kommt die Naturwissenschaft ins Spiel. Sie stellt Hypothesen auf, die getestet werden können. Meist kann man sie nur falsifizieren, also zeigen dass sie nicht stimmen. Was dann übrig bleibt ist vermutlich richtig – als Arbeitshypothese.

    In der Innenwelt, der Reich der Phantasie, aber auch der Erlebnisse und Erfahrungen wiederum gilt zuerst „anything goes“. Oft gelingt es dem, der nicht weiß oder glaubt dass es nicht geht dann zuletzt auch der Beweis, dass man Dinge, die nur in der Phantasie möglich erschienen tatsächlich auch draußen, in der physikalischen Welt hinbekommen kann. Etwa als Mensch zu fliegen.

    Vor allem aber ist die Innenwelt das im Zeitalter der „objektiven Wissenschaften“ das aus meine Sicht vernachlässigte eigentliche Spielfeld, denn was wir in uns erfahren hat am Ende die größte Bedeutung für uns.

    Mein Ansatz ist deshalb prinzipiell sehr einfach. Ich bin skeptisch, wenn jemand etwas mit Gewissheit verkündet. Ich bilde mir meine eigenen Hypothesen, schreibe sie auf und teste sie. Denn aus irgendeinem Grund habe ich schon immer Autoritäten angezweifelt. Oder ich hatte einfach mehr Lust, dem eigenen Weg zu folgen. Und ich habe immer dem „naiven“ Glauben gestärkt, dass ich die Dinge verstehen kann. Und dass etwas, was ich nicht verstehe, nicht unbedingt zu komplex sein muss, sondern vielleicht auch einfach schlecht erklärt oder falsch.

    Vor allem aber, so scheint es mir, gibt es für die wesentlichen Dinge im Leben, die Entscheidungen und Handlungen des Alltag keine gültige Anleitung. Das ist das Erstaunliche. Die Wissenschaft hält sich dort erstaunlich zurück. Ja, vor allem ist das ganze Innenleben ist am Ende noch praktisch unerforscht. Es wird darüber viel geschrieben. Aber das sind dann wieder Einzelmeinungen und Behauptungen.

    Betrachten wir nur einen einzigen Tag: Was geht in uns vor, in diesem 3-D-Film von 24 Stunden Laufzeit, mit all seinen Szenen, mit seiner grandiosen Multimedia-Show an gleichzeitig ablaufenden Kanälen: Bilder, Töne, Gerüche, Empfindungen von außen und Innen, Gefühle, Gedanken, Handlungen? Was steuern wir selbst, was wird von uns unbewusst erzeugt, welche Eindrücke nehmen wir wahr, welche Information dringt zu unserem Bewusstsein vor?

    Für mich ist deshalb klar: Wir stehen noch ganz am Anfang. Das ist ungeheuer faszinierend. Denn es bedeutet, wir werden sowohl über uns in der Welt noch so viel Neues lernen, als auch über die Welt in uns.

    Zugleich ist mir klar: Es gibt bereits ungeheuer viel Wissen. Es gab und gibt großartige Menschen, die wertvolle Beiträge geleistet haben. Aber es muss vielleicht zusammengesetzt werden. Hier begrenzt uns oft die traditionelle Logik des „entweder-oder“, des „richtig oder falsch“. Aus meiner Erfahrung passt oft der Widerspruch gut zusammen. Das heißt aber nicht, dass es alles nur Perspektiven sind und es keine Wahrheiten gibt. Es gibt besser und schlechter passend, weiter entwickelt und „primitiv“.

    Doch für den Alltag, für das tägliche Handeln fehlt oft noch die Gebrauchsanleitung. Jeder probiert so für sich herum. Nicht immer kommt dabei das Richtige heraus. Aber wir werden besser, Stück für Stück. Davon bin ich überzeugt.

    Vor allem, so glaube ich, wird es ein Gemeinschaftswerk. Wie Wikipedia zeigt, können Menschen gemeinsam an einem Wissenswerk arbeiten. Vielleicht brauchen wir ein ähnliches Gemeinschaftsprojekt, um herauszubekommen wie wir am besten funktionieren. Auf eine Art und Weise passiert ja genau das schon. Die erstaunlichen Fortschritte der letzten Jahrzehnte, von denen leider im Alltag so wenig gesprochen wird zeigen ja, dass die Menschen immer mehr wissen was ihnen guttut und was nicht.

    Auch wenn es nicht so aussieht, ist ja der objektiv weltweit konstante Rückgang der Gewalt vielleicht einer der bereits erkannten zentralen Erkenntnisse – Gewalt sollte vermieden werden. Und Rache ist keine optimale Option. Und unsere ständig wachsende Lebenserwartung zeigt, dass wir wissen was uns guttut, zumeist.

    Eine Reise um die Welt mit der Familie ist eine praktische Möglichkeit, unseren „Spielraum“ etwas besser kennenzulernen. Wie sieht die Welt aus, auf der wir leben? Was gibt es für Länder, Kulturen, Menschen? Und wie können wir sie ganz praktisch bereisen? Die vielleicht wichtigste Erkenntnis ist dabei – es geht.

    Und es ist für jeden von uns auch ein Möglichkeitsraum, für eine erweiterte Reise nach Innen. Was beschäftigt uns, wenn wir die Wahl haben und es kein externen Taktgeber wie Arbeit, Schule oder Kindergarten gibt? Welches Spiel wollen wir spielen, wenn uns langweilig ist? Wohin führt uns unsere Neugierde?

    Um bei meiner Lieblingshypothese zu bleiben: darüber nachdenken ist nur die halbe Sache, man muss es ausprobieren. Was es uns gebracht hat, ein Jahr um die Welt zu reisen werden wir alle auch erst im Nachhinein, wenn wir wieder daheim sind, beurteilen können.

    Aber es ist jetzt schon klar, es hat für uns alle, innen wie außen neue Erfahrungen ermöglicht und den Spielraum erweitert.

    Ich werde den Blog weiterführen, das habe ich längst beschlossen. Die Reise geht weiter, innen wie außen; und „our travel space“ hat mir viel zu viel Spaß gemacht um damit zu enden, wenn wir wieder zuhause in Berlin sind.

    Wir haben Peru verlassen, haben den Tag in El Alto, dem Flughafen von La Paz auf 4150 Meter verbracht und sind abends nach Cochabamba weitergeflogen. El Alto ist mit 850.000 Einwohnern auf jeden Fall die höchstgelegene (fast) Millonenstadt der Welt, im Hintergrund sieht man den Illimani mit 6462 Meter. Wir haben meinen Rucksack und eine große Tasche einfach mal so hinter der Gepäckkontrolle bei der Einreise vergessen – und zum Glück nach einem Schreck am Nachmittag dort wiedergefunden.

    Jetzt sind wir in Cochabamba, einer schön gelegenen Großstadt mit 600.000 Einwohnern auf 2600 Meter Höhe in einem etwas in die Jahre gekommenen, aber sehr gemütlichen Hotel im Kolonialstil, dem Aranjuez. Zeit zur Genesung für alle.

  • Der letzte Abend in Peru

    Abschied von Peru

    8.Juli 2018, Cuzco, 15.00 und 21.00 Uhr

    Ich sitze mit Nadine auf einem kleinen Brunnen an der Straße in der Sonne, wir trinken Cappuccinos und genießen einen kurzen Moment zu zweit. Wir haben Alpakapullis für die Freunde gekauft und sind weiter inspiriert von den süßen kleinen Läden und Cafés. In der dünnen Höhenluft bekomme ich selbst etwas luftige Ideen. So etwas sollte man selbst auch machen, denke ich, ein Café und ein paar schöne Sachen zum schmücken, anziehen oder dekorieren in der Auslage dazu. Ich könnte gleich meinen Arbeitsplatz dorthin verlagern. Ich brauche nicht viel Platz, habe in Kellerräumen oder im Flur, in der Ankleide oder in der Ecke im Schlafzimmer gearbeitet. Aber es wäre toll, als ein etwas offenerer Ort als die eigene Wohnung. Und fremde Cafés sind mir wieder zu offen zum Abeiten.

    Durchs Reisen sind eh meine Vorstellungen von Arbeitsplätzen flexibler geworden, und die Werkzeuge leichter. Einer der besten Erfahrungen ist es, die Post nur noch eingescannt zu bekommen, gleich mit dem Hinweis was wichtig und dringend ist, dank unserer tollen Mitarbeiterin daheim. Und dass alles was ich an wichtigen Unterlagen habe bereits digitalisiert ist, und ich über die Cloud darauf Zugriff habe, auch wenn jemand genau ein Dokument zeitnah braucht.

    Ich sehe auch- immer mehr wird das Handy der Dreh-und Angelpunkt. Habe ich am Anfang der Reise noch versucht, Fotos auf den Rechner zu überspielen und Texte und Mails dort zu schreiben, habe ich schon seit Namibia fast nur noch mit dem IPhone gearbeitet. Weil auch die Intelligenz der Textvorschläge immer besser wird und ich merke wie ich mit den zwei Daumen fast genau so schnell schreiben kann wie mit dem guten alten Word. Aber Word hätte niemals gewusst, dass ich Sacsayhuamán meine, wenn ich sacs schreibe- keine Ahnung woher das die Notizzettel von IOS wissen. Aber es macht das schreiben leichter.

    Und auch das Bloggen mit der WordPress App läuft elegant, das einzige Nadelöhr ist das Upload der Fotos, die sich nicht einfach so verkleinern lassen und je nach Verbindung von Minuten bis Stunden dauern können.

    Man gewöhnt sich sich schnell daran, in jedem Land eine neue SIM-Karte einzulegen. Auf jeden Fall einer der bleibenden Einsichten – man kann als digitaler Nomade auf der ganzen Welt unterwegs sein – es funktioniert.

    Mit der langsam genesenden Tara war ich einkaufen, mit Velis zog ich noch zum Fußballfeld vor, mit Lysander machte ich mich auf zur Ruine von Sacsayhuamán. Ein Kilometer am Rande der Altstadt einen Fußweg, der sicher schon aus der Zeit der Erbauung der grandiosen Anlage vor 600 Jahren stammt.

    Diese riesige Anlage ist eine „Show of Force“, jeder Besucher muss zur Herrschaftszeit der Inkas beeindruckt gewesen sein, wie man so viele Steine in solcher Größe von 20 km entfernten Steinbrüchen ohne Rad, Pferd oder Wasserstraße auf diesen Berg transportiert hat um sie dann millimetergenau einzupassen. Es wird sicherlich auch religiösen oder zeremoniellen Zwecken gedient haben. Sicher wird die Forschung in der Zukunft noch viel hierzu zu sagen haben.

    Im riesigen Reich der Inkas spielten ja die vier Himmelsrichtungen eine große Rolle, und so war vom zentralen Platz in Cuzco (dem „Nabel der Welt“) aus vier Straßen in vier Teile des Reiches ausgelegt. Und Sacsayhuamán war sicherlich eine zentrale Stätte.

    Für mich auch hier wieder interessant zu sehen, wie schwach unser Gedächtnis ist, jedenfalls das meine. Ich war hier schon zwei Mal, mit 8 und mit 19 Jahren, aber habe eigentlich nichts wiedererkannt. Ein, zwei „mentale Fotos“ vielleicht, die meist am ehesten wirklich Fotos waren, sind von damals geblieben. Aber eigentlich war alles neu. Es lohnt sich, so sehe ich es mehrfach am gleichen Ort zu sein -und auch von wichtigen Erlebnissen nicht nur Fotos, sondern auch Tagebuch-Aufschriebe zu machen, wenn man den Erinnerungen einen dauerhaften Platz im Gedächtnis geben will.

    Und so war meine dritte Zeit in Peru eigentlich in jeder Weise neu – man steigt tatsächlich nicht zwei Mal in den selben Fluss. Das Peru das ich besucht habe hat sich ungeheuer entwickelt. War vor 30 Jahren die typische Frage: „kannst du mir helfen nach Deutschland zu kommen?“, so habe ich dieses Mal von Niemand gehört, das er weg wollte- eher haben die Peruaner von ihrer Deutschlandreise erzählt und wie schön es in Heidelberg war…

    Und so bleibe ich optimistischer Mensch auch dabei, dass die wenigsten eigentlich von daheim weg wollen und das Frieden und wirtschaftlicher Fortschritt die wichtigste Antwort ist.

    Und natürlich bin ich auch ein anderer als vor 30 Jahren. War ich damals auch eher noch auf der Suche nach meiner Heimat und fand sie in Peru nicht, so sehe ich jetzt mit Freude wie mich dieses Land mit seiner Vielfalt, Freundlichkeit und seiner Sprache und Kultur mit geprägt hat, ich aber in Deutschland und ganz besonders Berlin zu Hause bin.

    Das Taxi ist bestellt, morgen früh um 8 geht es los nach Bolivien. Ich werde wieder nach Peru kommen, dieses Mal nicht erst in 30 Jahren.

  • Abschiedsstimmung

    7.Juli 2018, 21.47, Cuzco

    Cuzco hat wunderschöne Ecken, die zum Verweilen auffordern, romantische Plätze mit Brunnen an einer alten Kirche, enge Gassen mit alten Holztüren und süße Cafés, in denen es spottbillig trendige Ethno-Kleidung gibt und die Sonne scheint fast immer.

    Ich mag besonders die kleinen Mini-Läden, die überall in großer Enge alles lebenswichtige verkaufen, und den Gemüsemarkt hinter unserem Haus, wo es verwirrend viele Kartoffelsorten zu kaufen gibt. Die kleine Wäscherei mit der freundlichen Angestellten wäscht alles am gleichen Tag, das Kilo für 1.20 €. Ein Luxus nach den Waschsalon- Monaten in USA und Australien. Nebenbei bietet sie auch noch Touren an – je kleiner der Laden, umso vielseitiger das Angebot, so kommt es mir vor. Es gibt auch Apotheken mit Reisebüro, Gemischtwaren, die Pille und Kondome im Angebot. Fortschrittlich für das katholische Peru, finde ich.

    Man muss sich an die Kälte nachts und in den Häusern gewöhnen, morgens aus der Tür zu treten ist wie im Winter in den Bergen. Aber ich verstehe, warum Cuzco für viele so attraktiv ist – ich erinnere mich, unser Gastgeber in Hawaii, gebürtiger Engländer hatte vor Big Island ein paar Jahre in Cuzco gelebt. Ich komme wieder her.

    Aber wenn man wenig Zeit hat und der Abschied naht, ist es oft an schönsten. “Verweile doch, oh Augenblick, du bist so schön“- und so war unsere kleine Runde heute Nachmittag nur mit Nadine so gut.

    Unsere süßen Kinderlein nach dem kurzen Ausflug zum Spielplatz wieder mit fiebrigen Augen zurück auf die Sofalandschaft und unter die Decke gebracht. Russland ist in der WM ausgeschieden, unsere Großen haben für Kroatien mitgefiebert und sind glücklich, Tara und Morpheus fiebern weiter und schlafen mal richtig aus.

    Die Nudeln wollen bei 85 Grad Siedepunkt auf 3500 Meter Höhe nicht richtig gar werden und werden matschig dennoch verspeist, ich mache zum Frühstück Pfannkuchen und Bananenshake und freue mich weiter an den Maracujas, eigentlich Grenadillas, den unglaublich leckeren Avocados und an Streichhölzern Marke Llama, die wie früher aussehen.

    Ich habe es fast geschafft das zweite Buch (!) auf der Reise zu lesen, nach einer Biografie über Timothy Leary nun über John Lennon – ein Kindle-Kauf von Lysander. Schön, wie ich jetzt schon von den Kindern die Inspiration bekomme – ich weiß, irgendwann werden wir realisieren dass wir ahnungslos sind und sie wissen was angesagt ist. Schön dazu passend die Solo-Alben der Ex-Beatles zu hören, die Lysi mit Spotify über die Boom laufen lässt.

    Unsere Wohnung ist schon wieder ein lebendiges Chaos, unser mobiler 120-Kg- Haushalt hat alles was man braucht, aber ohne Nadines magische Gabe zu wissen wo alles ist findet keiner mehr irgendwas; mit ihrer unermüdlichen Energie kämpft sie gegen das Durcheinander an, das vier Männer und ein vierjähriges Mädchen täglich verursachen. Sie hält täglich den Laden zusammen und trägt jedes Kind 24 Stunden, seit 11 Monaten fast ununterbrochen mit – ich bin ihr so dankbar.

    Ja, es ist schon wieder Abschied zu nehmen, Abschied von Cuzco und von Peru. Übermorgen fliegen wir schon weiter nach Cochabamba, Bolivien. Die Pläne haben sich geändert, wenn alle sich erkälten ist es Zeit nach einem wärmeren Ort zu schauen – und Cochabamba liegt mit 2600 Meter tiefer als Puno oder La Paz, und zwei Tage Busfahrten müssen auch nicht sein. Ein Tip meiner Mama, die ja in jeder Stadt der Welt passend auch immer Freunde hat, die wir doch besuchen könnten. Nur gab es so kurzfristig nur noch einen Flug mit 8 Stunden Aufenthalt auf dem höchstgelegen Flughafen der Welt in La Paz- gut, das kriegen wir auch hin. Wie die netten Australier aus Melbourne, die sich auf dem Oktoberfest kennengelernt hatten, aus dem Zug gestern meinten: „macht euch keine Sorgen, wer mit vier Kindern um die Welt reist, der schafft alles“.

    So werden wir morgen noch mal Sacsayhuamán anschauen, die grandiose Inkafestung vor Cuzco, ein Dutzend Alpakapullis kaufen und hoffen, dass alle wieder gesund werden.

  • Machu Picchu

    Freitag, 6. Juli 2018, 19.19, im PeruRail-Zug zurück nach Cuzco.

    Manche Wege sind mit Hindernissen verbunden. Um Machu Picchu zu erreichen, hatten wir zwei Tage in Cuzco und einen im Calca eingeplant um uns an die Höhe zu gewöhnen. Aber dann erwischte es Nadine mit einer Grippe, und wir mussten dennoch weiterreisen, um unser lang vorher gekauften Tickets für Machu Picchu zu nutzen.

    Ein Aufbruch ist immer schon ein Mega-Akt, bis alles Zeug aller Kinder und von uns wieder verstaut ist, einschließlich der 1000 in alle Zimmer verstreuten Lego- Teile und Taras gesammelten Mal- und Bastelsachen, und alle bereit zum Aufbruch sind.

    Wenn man 39 Grad Fieber hat und auf 3400 Meter Höhe ist, ist es eine Tortur. In Calca dann nahm ich alle Kinder zu mir ins Zimmer, damit Nadine in einem getrennt gelegenen Krankenlager sich erholen konnte. Und tatsächlich- am Morgen ging es Nadine wieder gut. So fuhren wir weiter mit Bus und Zug nach Aguas Calientes. Dort aber wurde es dann Morpheus so kalt. Jetzt hatte er den Virus. Wir überlegten hin und her, wie wir es machen sollten. Auch er hatte 39 Grad, so beschlossen wir den Morgen abzuwarten, in einer kurzen Nacht mit dem Lärm der Diesel-Lokomotiven direkt vor dem Fenster. Um 4.00 gab Nadine ihm die hohe Dosis Ibu-Saft. Als um 5 der Wecker klingelte, war er voller Schwung und wollte los.

    Gegen 7.50 Uhr hatten wir es dann geschafft, die Schlangen zum Bus gewartet, die Serpentinen heraufgefahren durch die eindrucksvolle Urwaldlandschaft in diesem steilen Tal.

    Oben angekommen war Morpheus Elan wieder verflogen, wir mussten ihn tragen. Doch beim ersten Lager schon hatten die Kinder wieder großen Spaß und spielten Blinde Kuh. Doch es lag ein größerer Rundweg vor uns, um einmal die ganze Anlage zu erkunden. Wir schufen ein weiteres Lager im Schatten eines Felsen, wo Morpheus sich ausruhen könnte.

    Aber: wir haben es gemeinsam geschafft. Auch Morpheus freute sich sehr, dass er dabei sein konnte, und Ausblick und das Gefühl an einem ganz besonderen Ort angekommen zu sein machte alle froh.

    Allein schon die Natur ist einfach unbeschreiblich. Wir kommen wieder, das haben Nadine und ich schon beschlossen, das nächste Mal mit einer Wanderung verbunden. Wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind.

    Unten in Aguas Calientes am Bahnhof eine schöne Stimmung. Lauter glückliche Reisende, mit dem Gefühl etwas ganz besonderes erlebt zu haben warten auf den Zug zurück nach Cuzco, 4 Stunden durch die Nacht.

  • Durchs Urubamba-Tal, das „heilige Tal der Inkas“

    5. Juli 2018, 16.52 Uhr, Aguas Calientes, am Fuße von Machu Picchu, Peru, im „Valle Sagrado de los Incas“

    Das “heilige Tal der Inkas” entlang des Rio Urubamba ist nicht nur klimatisch mit seinem Frühlingklima eingerahmt von schneebedeckten Bergen wunderschön.

    Es hat auch neben den bekannten Ausgrabungsstätten wie Pisac und natürlich Machu Picchu viele verborgene und versunkene Städte, die im Bergurwald noch zum großen Teil nicht ausgegraben sind und nur mit anstrengenden Trekking-Touren zu erreichen sind.

    Etwa die „kleine Schwester“ von Machu Picchu, Choquequirao, eine nur durch einen zwei Tages-Treck erreichbare Urwaldruine, die nur zu 30% bisher ausgegraben ist.

    Oder Huchuy Qosqo, von Calca oder Cuzco aus in einem Tag zu Fuß zu erreichen. Doch sehe ich hinter Calca ein Plakat mit einer Seilbahn darauf. Hier ist die erste Gondelbahn in den peruanischen Anden geplant, sie soll Huchuy Qosqo mittels österreichischer Doppelmayr – Technik leicht erreichbar machen. http://latina-press.com/news/231534-peru-vereinbarung-fuer-seilbahn-nach-huchuy-qosqo-unterzeichnet/

    Baubeginn soll im Herbst diesen Jahres sein.

    Ich wünsche dem Projekt viel Erfolg! Denn: vergleicht man, was in jedem beliebigen Skiort in den Alpen an Andrang herrscht, ist es hier im berühmtesten Tal der Anden weiterhin verwaist. Ich halte das Potential für riesig und umweltfreundliche Transportmitteln für die große Mehrheit der Touristen die sich noch nicht fit für mehrtägige Bergwanderungen hält für wertvoll – insbesondere um weitere spannende Alternativen zu Machu Picchu erreichbar zu machen.

    Ich sehe ja gerade im ökologisch sensiblen Tourismus einen Megatrend, der für viele Länder der Welt die größten Entwicklungschancen bietet. Und ich glaube, dass neben der Gesundheit der Tourismus die größte „Industrie“ der Welt werden wird, mit gewaltigen Chancen. Denn beide bieten personalintensive Betätigungsfelder für die lokale Landbevölkerung, ohne dass Hightech-Produkte produziert werden müssen, die Ressourcen verbrauchen. Und sie bedienen ein prinzipiell praktisch unbegrenztes Wachstumsfeld.

    Wir etwa hätten natürlich Zeit und Geld in etwas Handfesteres stecken können als eine Weltreise von einem Jahr. Aber zugleich ist das teure Auto oder das große Haus nicht für alle das große Ziel – jedenfalls nicht für uns.

    Erfahrungen und Gesundheit im weiteren Sinne, also nicht nur körperliche, sondern auch seelische und „spirituelle“ Gesundheit , die etwa die Erfahrung der Verbindung beinhaltet ist wertvoll- am Ende für mich am wertvollsten.

    Und Verbindung mit den Menschen, der Natur und so viele wunderbare Erfahrungen, wie sie etwa Reisen ermöglicht ist kostbar.

    Denn es hilft zu sehen, wie schön die Welt ist und wie tolle Menschen auf ihr wohnen, um Mensch und Umwelt für schützenswert zu halten. Kinder spüren das noch am Ursprünglichsten- sie spielen genauso begeistert mit peruanischen Kindern Fußball wie daheim.

    Und einer der besonderen Erfahrungen beim Reisen als Familie ist vor allem die viele Zeit zusammen. Tag und Nacht, in einem Wohnmobil, Auto, Zimmer oder einfach nur draußen – es ist eine Nestwärme, ein Gruppenerlebnis, eine Erfahrung fürs Leben die bleiben wird, für uns alle.

    Ich freue mich zu sehen, wie gut schon die Anreise durch das Urubamba-Tal funktioniert. Überall sieht man neue Bauten aus Adobe, den traditionellen Lehmziegeln, mit den klassischen trapezförmigen Fenstern. An einer Aufzuchtstation können die Kinder Kondore fliegen sehen, mit ihrer gewaltigen Spannweite.

    Wir halten in Pisac, einer großartigen Anlage mit ihren typischen Terrassen (Andenes) genannt. Nach ihnen wurden von den Spaniern die Berge in Peru als Anden bezeichnet.

    Weiter geht es nach Calca, wo wir in einer wunderschönen Pension ‚Casa Aida‘ übernachten. Es ist ein Künstler, ein Maler, der sich dort mit seiner Frau Aida ein kleines Idyll geschaffen hat und drei Zimmer an Gäste vermietet. Da es Freunde unserer alten Freunde aus Lima sind, ist der Empfang um so herzlicher.

    Und dann geht es schließlich nach Ollantaytambo, unserem Start der Zugfahrt nach Machu Picchu.

    Wir nehmen den dort den Zug von IncaRail, seit 4 Jahren gibt es einen Wettbewerber zum klassischen PeruRail Zug.

    Die Fahrt ist eine moderne Fahrt in die Vergangenheit. Wir reisen zu einer der wenigen Orte auf der Welt, die nur zu Fuß oder per Zug zu erreichen sind. Die über 100 Jahre alte Schmalspurbahn schmiegt sich harmonisch in immer engeren Kurven den Flusslauf des Urubamba 1000 Höhenmeter Meter hinab bis Aguas Calientes.

    Toll gemacht, gibt es einen Aussichtswagen ohne Glasscheiben , die Kinder und ich lieben ihn! Der neue 360-Grad-Zug ist wirklich gelungen , man kann durch die Dachfenster wirklich die schneebedeckten Gipfel sehen!

    Entlang des Weges sieht man den Anfang des Inka-Trails, jenem historischen Zugang zu der Urwaldstadt, der über 4000 Meter Höhe in drei Tagen führt. Damals, 1987 bin ich auch diese Strecke gewandert, damals noch ganz ohne Träger oder Führer. Und überall, auch entlang der Eisenbahn sieht man die Spuren der Inkas, die vor über 500 Jahren den Höhepunkt ihrer Blütezeit erreicht hatten, als letzte der Indianerkulturen, die seit über 10.000 Jahren Südamerika besiedelt haben.

    Sie waren herausragende Baumeister, die ihre Terrassenbauten schon mit unterirdischen Entwässerungsanlagen gegen Erosion und Überschwemmungen geschützt hatten und deren Straßen und Wege den südamerikanischen Kontinent von Kolumbien bis Chile durchzogen.

    Und natürlich sind die Indianer auch für uns moderne Menschen oft eine Inspiration, weil sie eine mit Natur und Umwelt verbundene Lebensweise pflegten, mit nachhaltiger Nutzung der Ressourcen und einem ungeheueren Wissen über die Pflanzen und Kräuter des Urwaldes. Sie haben uns die Tomaten, den Kakao, die Kartoffeln, den Mais, die Avocado und viele weitere Nutzpflanzen gebracht.

    Aber auch ihre Kenntnisse über psychoaktive Kakteen, Pilze, Lianen, Blätter, Kräuter, und sogar Frösche hat und beeinflusst unsere Wahrnehmung der Welt weiterhin nachhaltig.

    Die Wissenschaft beginnt gerade erst wieder diese Substanzen in legalen Studien zu erforschen, und es ist ein großes Potential für Heilung, aber auch für das Verständnis unseres Gehirns und des Rätsels Bewusstsein erkennbar.

    Selbsterfahrung und „spirituelle“ Sinnfindung stehen hoch im Kurs, ob im Silikon Valley oder in London oder Berlin. Auch hier werden die indianische Kulturen mit Ihrem Erfahrungsreichtum und ihrer ganzheitlichem Weltsicht weiterhin viel an Attraktivität gewinnen. Und Reisen in den Urwald, an „Kraftorte“ und ursprüngliche Gegenden für die wachsende Zahl der Großstadtbewohner der Megametropolen dieser Welt wichtiger werden, auch für Peruaner aus Lima, das haben wir auch in Gesprächen erfahren. In diesem Sinne sehe ich eine wichtige und große Zukunft für das Urubamba-Tal, das „Valle sagrado de los Incas“.

    Morgen früh geht es um 5.30 hinauf nach Machu Picchu.

    Abfahrt in Ollantaytambo

    Ruinen von Pisac

    Casa de Aida in Calca

    Fahrt nach Machu Picchu

    Einstieg zum Inka-Weg

  • Cuzco

    3. Juli 2018, 16.52, Apartamentos Quewe, Cuzco

    Nach einem sehr schönen Wiedersehen mit fünf Klassenkameraden aus meiner Grundschulzeit, die ich 40 Jahre nicht gesehen hatte – herzlich und mit leckerstem Essen zuhause in einer tollen Wohnung in Surco machten wir noch einen kurzen Abstecher zu meinem alten Haus in Lima und dem Viertel wo ich gewohnt habe. Das Haus sieht fast unverändert aus, die Gegend ist grün geworden und die örtliche Schule an der Ecke war auch gleich wieder zuerkennen.

    Und dann ging es auch schön weiter nach Cuzco. Wieder einmal eine Wohnung räumen, das Spielzeug zusammenpacken und alles in die Taschen und Säcke hinein.

    Cuzco (oder Cusco, wie es in Peru heißt) hat uns gleich freundlich empfangen, es ist eine wunderschöne Stadt. Auch hier war ich 30 Jahre nicht mehr gewesen, es macht einen guten Eindruck und ist auf jeden Fall das touristische Zentrum Südamerikas, vielleicht wie Venedig in Europa.

    Wir haben wieder eine Wohnung genommen, in Fußnähe zum Zentrum. Am ersten Tag waren wir gleich an der schönen Mauer mit dem 12zackigem Stein, in der eindrucksvollen großen Kathedrale von Cuzco und abends auf einem Spielplatz, wo die Jungs eifrig mit den Peruanern Fußball gespielt haben.

    Immer wieder große Glücksmomente, wo wir uns freuen hier an diesen tollen Ort hergekommen zu sein, mit allen Kindern.

    Heute hat die Höhe erst einmal zugeschlagen, die 3400 Meter machen alle schlapp und Nadine hat, das erste Mal auf der Reise sich ins Bett gelegt und versucht sich auszukurieren. Am Ende ist es auch die Kälte, die eine Umstellung ist – man bekommt es einfach nicht warm daheim und so sind alle viel unter der Bettdecke.

    Wir versuchen es langsam anzugehen, soweit es eben geht. Morgen fahren wir nach Calca ins „Valle sagrado“, von dort geht es übermorgen von Ollantaytambo mit dem Zug nach Aguas Calientes, um am nächsten Tag Machu Picchu zu besuchen.

    Und auch die weitere Reiseplanung steht jetzt. Es wird über Puno und den Titicacasee weiter nach Bolivien gehen, zuerst La Paz und dann die Salzwüsten von Uyuni. Von dort weiter nach Chile, zuerst San Pedro de Atacama im Norden und dann 4000 km südlich nach Punta Arenas an der Magellanstraße. Dort noch einmal das letzte „Abenteuer“, im Winter mit einem eigenen Wagen zum Nationalpark Torre de Paine in Chile und weiter zum Lago Argentino mit dem Perito Moreno Gletscher bei Calafate.

    Dann geht es zurück nach Punta Arenas, mit dem Flieger nach Santiago den Chile und am 29.07.2018 mit Alitalia über Rom nach Hause. Alle sind schon etwas aufgeregt und freuen sich sehr!

    Das zweite Halbjahr ist angebrochen, der letzte Monat unserer Reise und wir haben noch einmal zum Abschluss viel vor. Von Seattle bis nach Patagonien – nicht ganz wie von Alaska bis Feuerland, wie es auf dem blauen VW-Bus Baujahr 1972 aus Argentinien den wir auf dem Weg zum Spielplatz stehen sahen, aber fast…