• Am Abgrund: Carretera 116

    Donnerstag, 28. Juni 2018, 20.07, Hotel Rustico, Eulalia-Tal

    Der Aufstieg war noch ein Kinderspiel. 6.45 Uhr sind wir in San Ramon auf 600 Meter Höhe gestartet und waren schon um 11.00 Uhr auf dem Ticlio- Pass, 4818 Meter. Sogar mit Pause auf einem Kinderspielplatz. Ich bin einmal herum gejoggt, war dann aber recht schlapp.

    Viele Laster waren beim Aufstieg zu überholen, aber nicht so wahnsinnig wie die Peruaner vor der Kurve.

    Dann ging es wieder herunter und nach 10 Kilometern ging nach rechts die Straße 116 ab.

    Damit wollten wir über ein Nebental, das Eulaliatal zurück nach Lima fahren. Und nicht die asphaltierte Hauptstraße.

    Hier muss man zugeben: Google Maps ist verführerisch. Es gaukelt einem vor, man könne einfach eine andere Route über die Anden nehmen.

    Das macht aber niemand. Und es gibt gute Gründe dafür. Wir haben es im wahrsten Sinne des Worts erfahren.

    Die nächsten 6 Stunden waren die anstrengendsten Fahrstunden meines Lebens. Wir haben es alle gemeinsam ausgehalten. So wurden aus den drei geplanten Stunden laut Google Maps für die 90 Kilometer über sechs.

    Es gab ja auch keinen Ausweg. Hängt man erst mal in einer in die Felswand gehauenen gerade noch einspurigen zerlöcherten und bis zum Horizont weiterführenden „Straße“, nach zwei weiteren Pässen von 4900 Metern und heftigen Kopfschmerzen und Übelkeit von der Höhe, gilt nur noch Ruhe bewahren und durchhalten.

    Es war landschaftlich eine grandiose Strecke. Mit schneebedeckten Gipfeln, tiefblauen Seen, vorbei an der zweithöchsten Eisenbahnstrecke der Welt. Mit einem malerischen Tal, durch den Fels gehauenen finsteren Tunneln, reißenden Flüssen und vielen vielen steilen Felswänden.

    Aber ohne Vierradantrieb, genügend Bodenfreiheit und guten Nerven sollte man nicht hier fahren. Zahllose Bäche sind zu durchqueren, teils ist die Straße das Bachbett. Entsprechend ist der Zustand. Und immer schön Hupen vor jeder Kurve, denn es gibt ihn, den Gegenverkehr – immer wenn man nicht damit rechnet. Dann heißt es eine Ausweichstelle suchen. Und zwischen Felswand und Abgrund in Zentimeterabstand aneinander vorbei rangieren. Es war eine Begegnung mit dem Abgrund. Erschreckend und faszinierend zugleich.

    Ich bin stolz auf Nadine und die Kinder wie sie durchgehalten haben. Dort oben waren eigentlich außer Schafen und Alpakas nur noch Bauarbeiter, die ein großes Wasserkraftwerk in die Schlucht bauen.

    Aber es gibt auch oft keine Ausschilderung, und es war immer wieder die Frage ob dieser fast unpassierbare Weg tatsächlich die Straße Richtung Lima sein kann und ob wir die richtige Seite des Tals gewählt haben. Und kaum hatte man es erschöpft und glücklich ins Tal geschafft, ging es gleich wieder eine Angst einflößende Straße wieder hinauf.

    Zuletzt suchten wir das Hotel. Auf Google Maps nicht zu finden. Am Ende hat Lysander es erkannt, am Pool vom oben aus dem Berg. Die Freude der Kinder und unsere Erschöpfung waren wohl ebensogroß.

    Aber eins ist klar: das waren die peruanischen Anden mit dem eigenen Auto. Wir haben es überlebt und die Angst ausgehalten. Jetzt schaffen wir den Rest auch noch. Morgen erreichen wir Lima, dann geht es mit dem Flieger am Sonntag weiter nach Cuzco.

    Das ist ein eher harmloser Abschnitt, die meiste Zeit hatte keiner die Nerven zu fotografieren..

    Hier die Straße 116, vor Casapalca sind wir vom Ticlio kommend rechts von der Carretera Central (22) abgebogen

    Hier auf dem Ticlio bei 4818 Meter

    Am 2. Pass knapp unter 4900 Meter

    Am Ziel der Träume angekommen!

  • Yanachaga-Chemillen National Park und Aufbruch

    Mittwoch, 27. Juni 2018, 20.51, Lodge El Refugio, San Ramon

    Und wieder sind wir unterwegs. Haben unsere lieben Freunde verabschiedet, die uns noch zu ihrem Anwesen auf der anderen Seite des Flusses eingeladen haben. Es geht durch ein Tor und dann einen kleine Straße immer weiter hinauf. Bald schalte ich die Differentialsperre zu. Dort oben, 7 km weiter und 500 Meter höher beginnt der Yanachaga Chemillen National Park. Wir machten einen kleinen Spaziergang zu einem Wasserfall und waren beeindruckt. Über 1000 Quadratkilometer erstreckt sich der Park bis auf die 3000 Meter hohen Berge.

    Unsere Freunde haben hier oben eine kleine Hütte mit Ausblick über das Tal und bei schönem Wetter bis auf die schneebedeckten Berge.

    Wir kennen uns schon seit meiner Kindheit, und auch 1987 habe ich mit Ihnen die Gegend hier besucht.

    Dort oben steht auch ein kleiner Knaus-Wohnwagen. Walter erzählt: damit waren sie in Chile unterwegs. Und Rosita ergänzt: er gehörte mal der Familie Eicher.

    Und da erinnere ich mich: das war doch das Ehepaar, die bei uns 1975 oder 1976 in Lima vorbei kamen. Sie fuhren mit einem Landrover mit Anhänger damals in mehreren Jahren um die Welt. Von ihnen hatte ich das erste Mal die Inspiration, dass man eine „Weltreise“ machen kann.

    Heute packten auch wir wieder unsere Sachen und fahren weiter. Für die Rückkehr nach Lima haben wir uns drei Tage vorgenommen, morgen kommt die Andenüberquerung über den Ticlio bis ins Eulaliatal. Es geht wieder bis knapp unter 5000 Meter.

    In der ganzen Aufregung nach dem Deutschland-Spiel gegen Südkorea vergaß ich meinen Rucksack mit Geld, Papieren und Computer auf der Farm in Huancabamba. Was für ein Glück, dass der Verwalter der Nachbar-Hacienda morgen fährt und ihn mir mitbringen kann. Er will schon gegen 6.30 hier in San Ramon sein.

    Abends sprang ich mit den Kindern noch mal in das schöne Poolbecken. Hier auf 600 Meter ist es deutlich wärmer geworden.

  • Besuch der Hacienda Yanachaga (PROSOYA) der Peru-Aktion

    Mittwoch, 27. Juni 2018, 9.25 Uhr, Huancabamba, Peru

    Im Bergurwald von Peru nahe der Stadt Oxapampa gelegen, waren wir eine Woche zu Gast auf diesem „Vorzeigeprojekt“. Hier wird mit großem Einsatz der peruanischen Mitarbeiter und deutschen Freiwilligen seit bald 30 Jahren auf dem Gelände einer 1875 von deutschen Auswandern gegründeten Farm gezeigt, wie man konkret die Situation sozial benachteiligter Jugendlicher verbessern kann.

    Im Mittelpunkt steht, den Jugendlichen in einer Art Internat nicht nur eine Gemeinschaft zu bieten, sondern vor allem eine Schulausbildung mit einer praktischen Ausbildung zu kombinieren.

    Ökologische Landwirtschaft, Küche, ein Restaurant und Gästezimmer, eine Bäckerei, eine Schreinerei, Werkstätten zur Metallverarbeitung wie Bienenzucht, Forellenzucht, Hühnerhaltung, Maschinen zur Trocknung und Röstung u.a. vom Kaffee bieten praktische Gelegenheit zum Mitarbeiten und Lernen.

    Ein eigenes Wasserkraftwerk mit 35 Kw Leistung erzeugt den Strom und nutzt die hier reichlich vorhandene Wasserkraft.

    Das Gelände erstreckt sich über 7 km auf der linken Flussseite das Tal hinauf bis zum Nationalpark Yanachaga Chemillen. Hier könnte noch mit Anbau von Avocado etwa bei intensiverer Nutzung weitere Einnahmequellen erschlossen werden. Auch der Tourismus bietet Potential, ist doch für viele Einwohner von Peru, besonders von Lima Urlaub im eigenen Land zu einer realistischen Möglichkeit geworden.

    Noch wird das Projekt zum großen Teil von Spendengeldern vor allem der Peru-Aktion aus Deutschland

    http://www.peru-aktion.de

    als auch dem Einsatz von Freiwilligen unterstützt.

    Hier sind 36 männliche Jugendliche derzeit in Betreuung, eine weitere Einrichtung in der Nähe bietet ein ähnliches Konzept für junge Mädchen.

    Für unsere Kinder war es eine eindrucksvolle Zeit. Essen im Gemeinschaftsraum mit den Jugendlichen, abends Fußball auf dem Fußballplatz, Kätzchen für die Kleinen, Besuch der Werkstätten und der Gemüsegärten, der Fischzucht und des Kraftwerks waren spannend. Wir erkundeten den Aussichtspunkt und die Felder am Berg und es gab einfach ungeheuer viel zu entdecken.

    Auch für die jungen Freiwilligen aus Deutschland bietet ein Jahr hier in einer ganz anderen Welt viel Gelegenheit zu lernen und zu wachsen.

    Zum Abschied saßen wir noch am Lagerfeuer zusammen, es gab einen lauten tiefen Schlag und die Erde bebte. Und dann wieder die zahlreichen Geräusche aus dem Urwald und der Vollmond über uns.

  • Nadine: Mein Leben bis 25

    Ich (Nadine) bin 1977 in der ehemaligen DDR geboren. In Zwickau Oberplanitz wuchs ich mit außen Plumsklo und Kohleofen auf.

    Feuer machen und Ofen ausputzen habe ich früh gelernt.

    In dem Haus lebten meine Eltern,meine Großeltern und meine Uroma.

    Nicht weit vom Ortskern entfernt hatten meine Großeltern einen Friseursalon.

    Das Haus war umgeben von einem kleinen Garten, mit 2 Birnbäumen die immer im Jahreswechel ihre Früchte trugen, einen großen Apfelbaum und eine Sauerkirsche. Jedes Frühjahr blühte ein großer Rhododendron und der Duft der Rosen meiner Oma ist unvergessen.

    Es gab einen Keller einen Dachboden und eine Garage; ich hatte immer viel Platz.

    Ich kam mit 8 Monaten in die Kinderkrippe und wurde mittags abgeholt.

    Meine Mama arbeitete als Röntgenassistentin im Krankenhaus in Zwickau. Mein Papa fuhr schon seit er 14 Jahre alt war unter Tage ein und haute Kohle aus dem Stein. Dafür hatte er früh eine eigene Wohnung und war selbstständig.

    Wir fuhren einen Skoda; erst rot dann gelb, den wir aber leider abgeben mussten weil mein Onkel mit seinem Wartburg nicht in den Westen ausreisen durfte. Ich mochte das neue Auto nicht.

    Dann kam die Wende; ich war 12. die Familie meines Papas waren mittlerweile schon alle „drüben“.

    Die Kokerei machte zu, meiner Mama ihr Job war krisensicher.

    Sie haben alles gemeinsam cool gemeistert. Nach ein paar Jahren war klar: Mama stockt auf und schiebt mehr Dienste, Papa kümmert sich um das Haus und den Haushalt.

    Ich schloss die Realschule 1993 ab und began gleich darauf eine Ausbildung als Physiotherapeutin die ich 1996 beendete.

    Ich hörte die Doors und Janis Joplin, verbrachte viel Zeit mit meinen Freunden und träumte von einem bunten, wilden Leben. Ich folgte dem Flow und fuhr

    Sylvester 1995 nach Berlin um am Brandenburger Tor zu feiern. Daraufhin beschloss ich so schnell wie möglich nach Berlin zu ziehen.

    Januar 1997 war es dann soweit.

    Es kamen wilde Jahre.

    Ich habe in Berlin Fuß gefasst. Als Physiotherapeutin gearbeitet und war viel in der Berliner Technokultur unterwegs. Viele mir lieb gewonnene Menschen begleiten mich bis heute.

    Mit 25 traf ich Leander und wir tanzten die ganze Nacht im ehemaligen Marie am Ostbahnhof, ein halbes Jahr später verlobten wir uns auf einem kleinen Open Air.

    Ich weiß noch genau, dass mich mein Papa anrief (was höchst selten vorkam); ich lag gerade in der Badewanne bei einer Freundin, (ich hatte zur der Zeit keine eigene) und mich freudig fragte ob es stimmte dass ich heiraten werde, und wie ich das den wieder hinbekommen hätte. Wir haben herzlich gelacht.

    Leander getroffen zu haben bezeichne ich immer noch als das größte Geschenk in meinem Leben.

    Der Rest ist Geschichte die viele kennen. Es kamen die Kindlein es folgten erste längere Reisen.

    Es wurde mir nicht in die Wiege gelegt das Reisen meine erster Flug war mit 23 Jahren nach Teneriffa, aber so langsam hab ich’s drauf :).

    Der Weg nach innen ist der für mich wertvollste geblieben. Unendlich verbunden mit allen und allem, glaube ich zutiefst an die Menschen und ihren Weg.

  • Huancabamba und Pozuzo

    Sonntag, 24. Juli 2018, Projecto Yanachaga PROSOYA

    Weiter ging es am Donnerstag die Straße von Tarma herunter in den Bergurwald bis auf 600 Meter Höhe nach La Merced am Rio Chanchamyo hinab, und von dort langsam wieder herauf über Oxapampa nach Huancabamba auf 1800 Meter. Eine faszinierende Landschaft.

    Hier besuchen wir eine Hacienda, die seit 30 Jahren ein erfolgreiches Schulprojekt beheimatet. Jugendliche aus benachteiligten Familien können hier in einem Art Internat leben und eine Berufsausbildung erlernen.

    Es ist für alle spannend, hier mit 40 peruanischen Jungen und ihren Betreuern, darunter auch engagierte junge Deutsche für eine Woche zusammenzuleben.

    Heute machten wir einen Ausflug ins 40 Kilometer entfernte Pozuzo, einer 1859 von Auswandern aus Tirol und Preußen gegründet Stadt. Es ist eine der abenteuerlichsten Straßen in Peru um dort hin zu gelangen, ein Seitental das erst vor 50 Jahren einen Straßenzugang bekam.

    Noch heute sieht man die Wurzeln der Einwohner in vielen Gesichtern, und wir hatten ein nettes Gespräch mit Lucho, der in vierter Generation dort lebt und uns mit seinen leuchtenden blauen Augen viel über den Ort erzählte.

    Es gab Gulasch mit Spätzle, Bratwurst mit Sauerkraut und Schnitzel mit Kartoffelsalat im Stadtteil „Prusia“, „Preußen“.

    Es war Kulturfest heute, und es wurden Tiroler Tänze in Tracht getanzt. Tara war begeistert und wir wurden mit unsern blonden Kindern überall freudig begrüßt, und die Jungs spielten Fußball.

    Glücklich waren alle als wir die zwei Stunden Abenteuerfahrt mit dem Abgrund an der Seite zurück wieder hinter uns hatten.

  • Meine Kindheit in Peru

    Ich bin am Bodensee geboren, wo mein Vater in Friedrichshafen seine ersten Berufsjahre als Gymnasiallehrer verbrachte. Fortschrittlich und alternativ, gründeten meine Eltern (meine Mutter ist Grund- und Realschullehrerin) im Dorf den ersten selbstverwalteten Kinderladen und mein Vater versuchte gemeinsam mit zwei Kollegen, den neuen Geist der 68-Jahre am Gymnasium zu verbreiten – gegen den Widerstand der konservativen Kollegen. Doch auch eine andere Alternative wurde interessant: Er bewarb sich für den Auslandschuldienst.

    1973, ich war noch vier Jahre alt, mein Bruder sieben, war es dann so weit. Es gab ein Angebot als Deutschlehrer in Lima, Peru. Innerhalb von wenigen Wochen wurden die Koffer gepackt, das Reihenendhaus in Stetten bei Meersburg vermietet und mein Vater flog voraus los, denn er musste die neue Stelle am Collegio Alexander von Humboldt antreten.

    Mit meinem Bruder und meiner Mutter nahmen wir den Zug nach Genua, um dort im März 1973 auf ein Schiff zu steigen. Damals gab es noch die letzten Linienschifffahrten für Fracht und Passagiere, und so nutzen wir die Chance, eine Schiffsüberfahrt zu erleben. Wir fuhren mit der MS Donizetti, einem in den 50er Jahren für die Australienstrecke gebauten Schiff.

    Ich habe nur wenig Erinnerungen an die Zeit vor dem Aufbruch. Doch mit der Schifffahrt von einem Monat über den Atlantik verbinde ich viele Erinnerungen. Das tiefe Brummen der Schiffsmotoren, der Blick aus dem kleinen Bullauge hinaus auf das Meer. Die Doppelstockbetten in der kleinen Kabine, und an Deck der Swimmingpool und der „verbotene“ Bereich der ersten Klasse. Mein 5. Geburtstag an Bord, wo die Köche morgens mit Töpfen vor der Kajütentür klopften und einen Kuchen vorbeibrachten. Die Überquerung des Äquators, wo nach einem alten Brauch anscheinend willkürlich Passagiere mit Sahne beschmiert und dann in den Bordpool geworfen wurden. Und dass ich bei der Sicherheitsübung mit Schwimmweste an Bord dachte, wir müssten jetzt in die Rettungsboote steigen.

    Das Erste, was ich von Lima erinnere ist ein helles Weiß, alles erschien mir in strahlenderen Farben als ich sie je gesehen hatte.

    Ich kam in den Kindergarten der deutschen Schule im Lima, wo auch mein Vater arbeitete.

    Das Leben in den 70er Jahren in Peru war anders als in Deutschland. Wir hatten eine Schuluniform an, morgens versammelte man sich auf dem Schulhof um die peruanische Nationalhymne zu singen. Unser Haus war eines von drei Häusern in der Straße, der Rest bestand aus Wüstensand, halbfertigen Baustellen in denen unter Strohmatten bettelarme Familien aus den Bergen lebten, mit streunenden Hunde die nachts ewig bellten. Zugleich, hinter den Mauern um unser geräumiges Haus war es ein grünes Idyll mit Bananenstauden im Garten, mit Isabel, unserer „Muchacha“, dem Hausmädchen die auf dem Dach wohnte und die ich sehr mochte. Von dort auf dem Dach sah man, das Lima von Wüste umgeben ist.

    Für mich war es normal, dass wir viel Spielzeug hatten, das draußen fehlte, und das niemand einen orangen Westfalia T2 VW Bus hatte – in Peru gab es nur den klapprigen Typ 1 mit Brezelfenster, der mich morgens zur Schule abholte.

    Und wir waren weit weg von daheim. Der Flug nach Deutschland war sehr teuer, nur alle zwei Jahre gab es einen bezahlten „Heimaturlaub“. Pakete aus Deutschland blieben für immer im Zoll, ein Telefon zu beantragen dauerte Jahre. Peru war eine sozialistisch angehauchte Militärdiktatur, die Verbindung nach Europa war der heulende Langwellen-Radio-Empfang der deutschen Welle und das Nachrichtenmagazin Spiegel, der im Lehrerkollegium wie eine Kostbarkeit herumgereicht wurde. Wenn wir ihn für ein paar Tage hatten, waren auch mein Bruder und ich gespannt darauf, ihn endlich in der Hand halten zu können.

    Über die Jahre lernte ich spanisch, fand Freunde und verbrachte viel Zeit im „Deutschen Club“ am Swimmingpool. Und dann gab es die Schulferien. Mein Vater wollte Peru und dann Südamerika entdecken, und so waren wir mit dem Bus viel unterwegs. Von Lima heraus gibt es nur drei Wege: die Panamerikana nach Norden und Süden, beide führen tausende von Kilometer durch die Wüste. Und nach Osten in die Berge – und dafür muss man über einen Pass von 4850 Meter, den Ticlio. Über die Jahre fuhren wir immer weitere Strecken. In den Urwald nach Pucallpa, in viele Andentäler und Städte und in den drei Monaten Sommerferien 1974 nach Ekuador und Kolumbien und 1976 nach Chile und Argentinien. Erdbeben, durch Erdrutsche unpassierbare Straßen, Flussdurchquerungen, Stromausfälle und die ewige Weite der Atacama-Wüste gehörten genauso zu unserem Alltag wie Nächte auf 4000 Meter Höhe im VW-Bus und die Übelkeit, die mir die Pass-Serpentinen über den Ticlio immer bereiteten.

    Aber natürlich – es war in vielem ein großes Abenteuer, dass ich auch immer so wahrgenommen habe. Ich fand es spannend an neuen Orten abends anzukommen und die Gegend zu erkunden, Flüsse zu erleben in denen Piranas lebten und so viel von der Welt zu sehen.

    Und dann gab es auch den Heimaturlaub. Zweimal flogen wir nach Deutschland zurück, trafen unsere Familie, und besuchten dabei auch noch Mexico, Guatemala und Jamaika als Zwischenstopp. Das Flugzeug war ein selbstverständliches Verkehrsmittel für mich als Kind, und ich habe es immer geliebt.

    So eine Kindheit war Chance und Herausforderung zugleich. Ich habe es als eine große Chance wahrgenommen, weil ich einen weiteren Horizont bekam als üblich, ich immer zwei Sprachen, zwei Kulturen und zwei Perspektiven hatte um etwas zu betrachten. Aber natürlich war es auch eine Herausforderung. Für mich als eher zartes, sensibles Kind blieb es auch immer eine raue, fremde Welt, in der ich lebte. Und es gab die Jahre, wo ich mich fragte wo meine Heimat eigentlich ist, und ich mich dorthin sehnte, wo ich nicht war: erst nach Deutschland, dann wieder in die Ferne.

    1978 kehrten wir nach Deutschland zurück, und zogen nach Ulm. Es dauerte, bis ich in Deutschland ankam. Und eines blieb bis heute: Die Reiselust und die globale Perspektive. Ich komme aus Europa, bin aber gerne in der Welt unterwegs. Seit ich 16 bin, habe ich jede Chance genutzt in die Ferne zu reisen. Mit 19 wieder durch Peru bis Argentinien. Und vor allem bin ich viel auf der Straße, Überland gereist – wie ich es mit meinen Eltern kennengelernt hatte. Von Berlin über Kamerun nach Kenia, nach Indien, von San Francisco nach Mexico und von dort bis Venezuela. Und ich war mehr als ein Dutzend Mal in Indien.

    Aber ich habe nie daran gedacht außer im Urlaub oder für Praktika in einem anderen Land länger zu leben oder gar auszuwandern.

    Seit ich in Berlin das erste Mal länger war wusste ich: Hier bin ich zuhause, hier werde ich bleiben. Das ist vielleicht der größte Vorteil meiner Kindheit: Ich weiß zu schätzen, was ich dort habe, und dass dies nicht selbstverständlich ist. Und zugleich fühle ich mich auf eine Art auf der ganzen Welt zu Hause – at home in the universe.

  • Andenüberquerung

    Mittwoch, 20. Juni 2018, 21.29 Uhr, Hostel Normandie, Tarma, Peru

    Unser Ziel ist Oxapampa, im Bergurwald auf der Ostseite der Anden gelegen. Wir haben drei Tage Fahrt eingeplant. Heute waren wir den größten Teil der acht Stunden Fahrt auf Schotterpisten unterwegs, auf über 4000 Meter. Eine abenteuerliche Fahrt. Nadine meinte zu Recht, das hätten wir alle am Anfang der Reise nicht geschafft. Am meisten hat Lysander heldenhaft mit der Übelkeit gekämpft, Tara schlief fast den ganzen Tag vorne bei Nadine zu Füßen auf dem Boden.

    Velis und Morpheus waren dagegen putzmunter und ließen es sich nicht nehmen, am Ucchuchacua-Pass auf 4737 Meter zum Schnee hinauszurennen.

    Dies war ein kleiner, wenig befahrener Nebenpass, der uns über wilde Straßen an tiefblauen Seen und lange Hochebenen nach Cerro de Pasco führte, mit 4330 Meter eine der höchsten Städte der Welt.

    Dort wird Blei, Zink und Kupfer, aber auch Silber und Gold abgebaut. 70.000 Menschen leben hier bei einer Temperatur von 4 Grad im Jahresmittel.

    Dort trafen wir wieder auf die Hauptstraße von Lima in den Urwald, die uns gut ausgebaut weiter nach Tarma führte.

    Es ist eine faszinierende Welt dort oben in den Anden. Erst ab knapp 5000 Meter liegt Schnee, es leben Alpacas und Schafe dort oben und einsame Siedlungen unterbrechen die ewige Weite.

    Mich hat diese Welt schon als Kind fasziniert und in ihrer fremdartigen Schönheit in den Bann gezogen. Die dünne Luft macht einem zu schaffen, typisch ist Kopfschmerz. Aber man ist auch high, entrückt, der Himmel ist tiefer blau und die Seen atemberaubend schön.

    Es war klug Peru an das Ende unser Reise zu setzen. Wir sind jetzt eingespielte Reisegefährten, alle haben es großartig gemacht und für mich ist es ein absoluter Höhepunkt hier meinen Kindern reisen zu können. Und Peru ist einfach ein faszinierendes Land, ein Land der Extreme. Es zieht auch Abenteurer an. Auf dem Weg zum Pass sahen wir auch zwei junge Radfahrer, voll ausgestattet, die den gleichen Weg wie wir nahmen. Atemberaubend.

    Wir bekamen noch ein leckeres Essen aus dem Restaurant unserer originellen Herberge. Höchste Zeit, alle waren schon ganz zittrig von einem Tag mit Cola, Keksen und Maracujas. Mittlerweile sind es Venezuelaner, die mit Familie hier her zum Arbeiten kommen, auch im letzten Hotel arbeiten sie in der Küche. Der „sozialistische“ Weg, den dieses einst wohlhabenden Land eingeschlagen hat treibt die Menschen zur Flucht – das früher arme Peru ist jetzt das Ziel.

    Morgen um 10 spielt Peru gegen Frankreich – draußen wird jetzt schon gefeiert. Wir werden es anschauen und mitfiebern und danach von jetzt 3100 Metern ins Tiefland fahren, mit dem Ziel Oxapampa.

  • Die heißen Quellen von Churin

    Montag, 18. Juni 2018, 13.44 Uhr, Hotel Fondo Ayarpongo, Churin, Peru

    Ich sitze in der Sonne in der Bergluft, man hört den Bach rauschen. Ich bin sehr glücklich, wieder zurück in meinem Peru zu sein. Es ist so herrlich, von der nebligen Wüste nach 120 Kilometer wieder in die Sonne zu kommen. Alle im Auto waren begeistert, als die Sonne herauskam, das Tal begann und in der Mitte der Fluss rauschte, links und rechts von Maisfeldern eingesäumt. Immer karger und felsiger wird die Landschaft. Nadine findet eine super Musik, Christian Löffler, und die Jungs entdecken dass man das Dach vom Auto aufmachen kann und sie stellen sich in den Fahrtwind. Herrlich ist es, wunderbar. Ein tiefes Glücksgefühl durchströmt mich, mit meiner Liebsten und meinen Kindern durch Peru zu reisen. Mit dem Auto, es ist ein toller Wagen, ein SUV mit Vierradantrieb. Man kann damit wunderbar die Geröllabschnitte fahren, wo die Straße von den letzten Erdrutschen nur einspurig ist.

    Und jetzt sind wir in einem grünen Idyll gelandet, ein Hotel der Dorf-Kooperative von Ayarpongo. Und die Jungs sind wieder glücklich, es ging immer auf und ab in der Stimmung. War es unten im Tal noch das zweitbeste Land auf der Welt nach Hawaii, sind nachher alle erstaunt und bald erschöpft dass es in der Sonne doch heiß ist. Hieß es doch gestern Abend noch, wir müssten uns auf Eiseskälte einstellen. Aber wenn es Nachts 0 Grad werden kann, heißt das noch lange nicht das es in der Sonne nicht mittags heiß wird. Und hier in Peru steht die Sonne auch im Winter praktisch senkrecht.

    45 Kilometer sind wir schon morgens früh gefahren, fast zwei Stunden durch Lima Richtung Norden heraus, bis zum ersten Mal die Häuser an der Straße weichen und die Wüste sichtbar wird. Lima ist eine Megastadt mit über 10 Millionen Einwohnern. Es ist eine heftige Stadt, im Winter das ewige Grau und braun, ein überlastetes Straßennetz ohne Schienenverkehr und sehr wenig grün. Aber zugleich – es hat sich viel getan in den letzten 40 Jahren, man sieht praktisch keine Wellblechhütten mehr, es sind alles Häuser aus Ziegel, meist mehrstöckig, die sich bis zum Horizont in alle Richtungen erstrecken. Und in Miraflores ist es richtig modern, mit Glashochhäusern und schicken Restaurants.

    Peru ist ein Land der Extreme. Dieses Land hat mich sicher geprägt. Ich liebe immer noch Extreme und finde eine rauhe, wilde Welt oft sehr beruhigend und vertraut. Und es gibt dann ja nach so viel Sand, Geröll und wilder Ziegelsteinwelt außerhalb von Lima oder in kleinen Parks und Gärten eine wunderbar vielseitige Natur. Man braucht aber Geduld.

    Nach zwei Stunden Richtung Norden beginnt keine klassische Wüste, sondern ein Nebelgebiet. Die Panamerikana ist von Warnschildern geprägt, die Autos machen das Warnlicht an, die Sichtweite ist 20 Meter oder geringer. Schließlich biegen wir ab ins Landesinnere. Halten an einem Fluss, der erste Stop nach der Tankstelle heute morgen in Lima noch. Alle sind guter Stimmung, wir haben es geschafft. Die Sonne ist wieder da. Und wir sind in Peru auf dem Land mit dem eigenen Wagen unterwegs.

    Dann noch mal eine Durstrecke, als es immer heißer wird und lauter Geröllabschnitte kommen. Doch schließlich erreichen wir einen verstaubten Bergort, wo eine kleine unbefestigte Straße rechts hinauf zu unserem Hotel führt. Es ist eine schöne, großzügige Anlage. Die Kinder spielen mit dem Wasserschlauch, es gibt grünen Rasen und ich lege mich in die Sonne und schlafe kurz ein. Ein Alpaca grast, rund um uns herum Bergwände, die Sonne scheint, es ist grün. Herrlich. Und so brechen wir nach kurzer Rast (die dünne Höhenluft, obwohl nur 2300 Meter macht einen müde) in den Ort auf. Das Bad ist urtümlich und das Wasser im Bad das noch offen hat nur 25-30 Grad warm, aber alle sind happy. Das Essen im Restaurant schmeckt, und es ist gar nicht so kalt wie befürchtet.

    Dienstag, 19. Juni 2018, 11.30 Uhr, Hotel Fundo Ayarpongo, Churin, Peru

    Wir sind 300 Meter aufgestiegen, gleich nach dem Frühstück ging es los. Lysander wollte die Berge hinter dem Haus hoch, und ganz oben sah man ein weißes Tor, hoch über uns. Wir haben es geschafft. Es ist ein tolles Wetter, trocken und nachts kühl, morgens wenn die Sonne herauskommt wird es warm. Ein kühler Wind aber weht und macht es angenehm.

    Morpheus läuft einfach so mit. Tara wird immer wieder getragen, ist dann aber wieder mit dabei. Und eine steile Abkürzung zum Ende haben wir alle zusammen gemeistert, auf allen Vieren und mit Tara auf dem Rücken. Velis war aufgeregt, denn es erwarteten ihn Bienen und zwei wilde Hunde ganz oben, er war die Vorhut. Es ist erstaunlich, wo alles Straßen hochführen und dass es dort oben immer wieder kleine Anbauflächen gibt. Ein einsamer Bauer empfing uns ganz oben am Tor und schaute uns groß an. Noch sind wir an die Höhenluft nicht gewöhnt, obwohl es hier nur 2300 Meter sind spürt man die dünnere Luft deutlich und ist schneller außer Atem.

    In Peru in den Bergen zu sein ist noch einmal ein ganz anderes Erlebnis, das wir bisher auf der Weltreise nicht hatten. Es gibt kein Internet und kein Handyempfang, aber mit der Satellitenschüssel Fernsehempfang, also geht auch für uns die WM weiter.

    20.46. Uhr. Es war so schön in den Bädern. Jetzt ist alles geschafft, so fühlt es sich an. Die Reise ist vollständig, von an ist alles nur noch Bonusmaterial. Ich war mit meinen Kindern wieder in den heißen Quellen von Churin, einer Kindheitserinnerung. Es war super schön dort und einfach malerisch am Fluss gelegen, mit vielen Becken und tollen Aussichten. Dankbarkeit. Es war richtig warm, und wir hatten Sonne satt. Auch danach das Essen im Ort war super, die Forelle als Suppe, wunderbar. Jetzt kann es morgen weiter in die Berge gehen, knapp unter 5000 Meter hoch. Ich bin dankbar und aufgeregt.

  • Abschied von Lima

    Sonntag, 17. Juni 2018, 22.08, Lima, Peru

    Morgen früh geht es los. Wir haben für 13 Tage ein Auto gemietet, die Hälfte des Gepäcks lassen wir in Lima. Es geht Richtung Norden die Panamerikana hoch und dann die Anden hoch. Erste Etappe die heißen Quellen von Churin.

    Wenn es von uns etwas länger nichts zu hören gibt, dann liegt es an unserem Ziel. Oxapampa liegt im Bergurwald. Wir überqueren die Anden knapp unter 5000 Meter, dann geht es in die „Selva“. Wir wollen dort eine Woche bleiben.

    Hoffentlich gibt es für die WM Fernsehen – bisher hatte ja weder Peru noch Deutschland Glück bei ihren Auftaktspielen der WM. Als Peru kurz vor der Halbzeit gegen Dänemark den Elfmeter verschoss, würde es draußen sehr still. Ganz Peru schien wie gelähmt.

    Wir trafen alte Freunde aus meiner Kindheit, Eltern von Klassenkameraden von mir und meinem Bruder. Es war ein sehr schönes Wiedersehen. Wir tranken Weißwein und aßen Käsefondue in einem Schweizer Restaurant. Herrlich. Vielleicht sehen wir uns noch nächste Woche in Oxapampa wieder, dort haben die Beiden auch einen Hacienda.

    Mitten in Miraflores gibt es eine alte Lehmpyramide, die Huaca Pullclana.

    Als ich in den 70er Jahren noch in der Gegend lebte, war es nur ein großer Hügel, der als Müllhalde und Motocross-Strecke genutzt wurde.

    Dass sich darunter eine historische Stätte von Hunderten Meter Länge verbarg war vergessen. Ich hatte nie etwas davon gehört. Man sieht heute wie nah die moderne Stadt an die 1500 Jahre alte Anlage heran gebaut wurde.

    Auch das archäologische Museum war interessant und hat besonders Velis sehr gut gefallen. Tara fand die Mumien spannend, Lysander die ganzen Schädel mit rituellen Verformungen und Trepanationen.

    Vor allem aber sah man, wie es über die Jahrtausende (die ersten Funde gehen mehr als 10.000 Jahre zurück) so viele unterschiedliche Kulturen und Reiche vor den Inkas geben hat.

    Und immer wieder Plätze für die Kinder zum Spielen und Orte zum Basteln und Essen. Das Essen kommt gut an, die peruanische Küche hält was sie verspricht.

    Jetzt aber freuen sich alle auch auf einen Wechsel und etwas Sonne. Ich bin das erste Mal in Südamerika selbst gefahren, das Auto abzuholen. Es geht dynamisch zu auf der Straße. Ich freue mich aufs Fahren.