• Freitag, 1. Dezember 2017, 10.14 Uhr, La Plage Restaurant, Ashwem, Goa, India

    China wird dieses Jahr 50 GW= Gigawatt, also 50 Milliarden Watt an Solarenergie montieren. Das sind 500 Millionen 100 Watt-Panels.

    Ich mag gute Nachrichten. Diese Nachricht löst bei mir Euphorie aus. China hat in den letzten 10 Jahren jedes Jahr doppelt so viele Solarpanels montiert wie im Vorjahr. 100% Wachstum im Jahr. Wer sich noch an das Schachbrett und die Reiskörner erinnert, weiß dass so ein exponentielles Wachstum in nur 10 Jahren zum 1000fachen des Ausgangswerts führt. In 20 Jahren zum Millionenfachen.

    2017 werden 50 GW an Solarpanel-Leistung neu montiert. Das ist mehr alle anderen konventionellem Stromerzeuger auf der ganzen Welt zusammen, sei es Kohle, Gas, Öl,

    Kernenergie.

    50 GW, das produziert so viel Strom wie 5 Kernkraftwerke. In einem Jahr montiert. Das passiert, weil der Preis pro kwh Solarstrom mittlerweile unter 2 Cent liegt. Auch Wind hat ähnlich günstige Kosten. Die letzten Versteigerungen in Saudi-Arabien und Mexiko bekamen Zuschläge für unter 2 Cent. Mit Sonnenenergie. Wind liegt knapp dahinter bei 2,2 Cent. Auch Saudi-Arabien setzt jetzt auf regenerative Energien.

    Mit keiner konventionellen Kraftwerkstechnik kann Energie so günstig erzeugt werden. Wenn man 10 bis 20 Jahre mit ähnlichen, auch abgeschwächten Wachstumsraten in die Zukunft schaut, dann kann die gesamte Weltenergieproduktion durch regenerative Energien gedeckt werden.

    Damit ist der Durchbruch geschafft. Die Energieprobleme, vor allem aber die Probleme der CO2-Erzeugung der Welt sind gelöst. Es wird auf Sonne und Wind umgestellt werden. Die Entwicklungen gehen so schnell, dass es die Meisten es nicht einmal mitbekommen. Einige Länder werden etwas länger brauchen. Aber die Technik entwickelt sich viel schneller als unsere Vorstellungskraft.

    Wer hätte vor 10 Jahren vorhergesehen, dass die Welt mit einem globalen Mobilfunk-Datennetz überzogen ist und Milliarden Menschen einen Computer in der Tasche tragen, der leistungsfähiger ist als ein Supercomputer vor 20 Jahren? Vor gerade 10 Jahren wurde das Iphone eingeführt.

    War es beim Iphone eine amerikanische Erfindung, die in China gebaut wird, waren es beim Solarpanel die Deutschen, die die „Software“ entwickelt haben. Hier war es ein gesteuerter Marktanreiz, eine Anschubfinanzierung. Es war eine intelligente Idee, eine gute Gesetzgebung. Auch hierfür sollte es eines Tages den Nobelpreis geben.

    Es war Deutschland mit der hohen Subvention der Solar-Stromerzeugung, die als Anschub für die Chinesen funktioniert hat. Erinnern wir uns noch? Fast 50 Cent pro kwh bekam man, wenn man sich ein Solarpanel aufs Dach stellte. Es schien absurd. Es hat den deutschen Stromverbrauchern Milliarden gekostet. Diese waren aber in die Zukunft investiert. Es hat funktioniert.

    Denn erst durch die hohen Stückzahlen durch die deutsche Nachfrage und den harten Wettbewerb der Produzenten sind die Preise für Solarpanels so stark gesunken, dass sie heute nur noch bei 600 Euro pro KW installierter Leistung liegen. Vor 10 Jahren war es das 10fache. Wir haben also die weltweite Energiewende entscheidend angetrieben.

    Die nächste Frage lautet also: Wer wird die Netze bauen und managen, um den Strom weltweit zu verteilen? Wer die Anwendungen entwickeln, die man mit dieser technologischen Revolution erzeugen kann? Es wird wieder um die guten Ideen und die technische Produktion gehen. Apple zeigt es, dass man die wertvollste Firma der Welt werden kann, ohne dass man selbst irgend etwas herstellt. Man muss die richtigen Ideen haben.

    Damit ist auch die Ausgangslage für Deutschland hervorragend. Es kommt jetzt darauf an sie zu nutzen. Und keinen Cent mehr in Kohle-Subventionen oder Siemens-Gas Turbinenproduktionen die keiner mehr braucht zu stecken. Sondern in die Energie-Zukunft. Von Deutschland und der Welt. Und den globalen Umweltschutz.

    Wir können Wetten abschließen, was als Nächstes in der Planung der Chinesen steht. Was macht man, wenn man Strom praktisch umsonst gewinnt? Man wird alles auf Strom umstellen. Es ist vollkommen klar, dass elektrische Fahrräder, Motorräder, Autos, Schiffe, Flugzeuge kommen werden. Manches langsamer, manches schneller. Das Fahrrad, das Motorrad und das Auto sind marktreif. Tesla versucht, hier der Apple zu sein. Wer ist Samsung? Was machen die Deutschen?

    Es geht einzig um die Frage, wann der „tipping point“ erreicht ist, wann bei den Batterien die Stückzahlen so hoch sind und der Preis so gefallen, dass es sich nicht mehr lohnt Verbrennungsmotoren einzubauen. Ich denke, wir stehen nur noch wenige Jahre davor. Bei den Kohle- und Gaskraftwerken ist der Punkt errreicht. China und Indien stornieren bereits hre geplanten konventionellen Kraftwerke und setzen auf Wind und Sonne.

    Die größte Herausforderung wird die intelligente Verteilung, Speicherung und flexible Steuerung von Erzeugung und Verbrauch sein. Das ist eine super spannende Aufgabe. Die Startups weltweit sitzen in den Startlöchern. Aber auch die Riesen, wie der staatliche Chinesische Netzbetreiber, die nicht umsonst neu Büros in Berlin und San Francisco eröffnen und versuchen, die besten Spezialisten abzuwerben.

    Optimismus und Aufbruchstimmung – das ist angemessen. Es liegen aufregende Jahre vor uns. Die sowohl die drängenden Umweltprobleme lösen werden als auch neue technische Revolutionen vorantreiben werden. Die Energieerzeugung ist nur ein Beispiel dafür. Es gibt viele. Ich freue mich auf die Zukunft und die Zukunft meine Kinder.

    Warum begeistert mich das so? Weil die Frage der nachhaltigen Energieproduktion einer der Fragen war, die mich seit meiner Jugend beschäftigen. Schon unsere Biolehrer hat uns die Kurve des C02-Anstiegs im Jahre 1982 aufgezeichnet. Und seit Tschernobyl im gleichen Jahr wusste ich sicher, die Kernenergie wird keine Lösung sein.

    Viele glaubten ja, es ginge langfristig nur als Menschheit zu überleben, wenn wir unser Verhalten radikal ändern.

    Doch ich glaube, das wird nicht geschehen. Es wird nicht funktionieren. Ich war selbst radikaler Umweltschützer in meiner Jugend. Aber ich habe dazugelernt dass dies nie eine Mehrheitsposition sein wird. Und eine Ökodiktatur ist keine Option. Ich habe einfach nur mich angeschaut. Bessere Technologien nutzen? Ja. Vieles ist besser und macht Spaß. Radfahren, vor 200 Jahren in Deutschland erfunden ist ein Wunder an Effizienz, es überbietet alles was die Natur sich in Milliarden Jahren hat einfallen lassen an Energieeffizienz. Aber wir wollen auch mehr. Und das wird sich nicht ändern.

    Spätestens seit ich das erste Mal den Winter im Süden verbracht habe wusste ich, man wird die Fernreisen den Menschen auch nicht abgewöhnen. Auch nicht tausend andere Errungenschaften der Moderne. Noch weniger wird man es anderen verbieten können uns nachzueifern. Wir müssen also nachhaltige Lösungen finden. Daran habe ich immer geglaubt. Und auch daran, dass die Fähigkeiten des Menschen erstaunlich sind.

    Ich war in den 80er Jahren pessimistisch. Habe Global 2000, den Umweltbericht an die Regierung Carter gelesen, die großen negativen Utopien von Orwell, Huxley, Samjatin. Es schien alles aussichtslos. Doch irgendwie kam alles anders. Plötzlich kollabierte die Sowjetunion, die Mauer fiel. Die Apartheid auch. Es gab eine Aufbruchstimmung. Und auch ich brach auf, weg aus Schwaben und in die weite Welt. Und gewann neuen Optimismus.

    Aber die Energiewende war das Thema seit meiner Jugend. Wir werden es erleben, habe ich immer geglaubt. Es gibt genug Sonne und Wind, wir müssen nur lernen sie zu nutzen. Jetzt bin ich sicher. Es wird gelingen.

    Und das ist nur ein Beispiel. Der Mensch schafft durch sein Wachstum Probleme, aber er schafft es auch sie zu lösen. Und der Weg lohnt sich. Es ist nur ein Übergang, in dem wir lernen alles so zu verbessern dass es langfristig und nachhaltig funktioniert. Es kann auf der Erde nichts verloren gehen. Also gibt es auch keine Knappheit an Ressourcen. Die Sonne scheint noch Milliarden von Jahre und bietet Energie. Alles weitere ist eine interessante Aufgabe. Und Menschen lieben Herausforderungen.

  • Ausflug nach Maharashtra

    Mittwoch, 29. November 2017, 10.55, Paradise Beach, Shiroda, Maharashtra, India

    Einfach herumreisen, neue Ecken erkunden. Jetzt wieder mit dem Motorrad durch Indien. Noch sind es nur Tagesausflüge, aber in diesen Stunden steckt so ein Freiheitsgefühl. Einfach drauflosknattern und schauen, wohin ein der Weg bringt. Ich bin über Arambol hinausgefahren nach Maharashtra, das erste Mal in über 20 Jahren.  Über eine der vielen großen Flüsse, die Indien durchziehen, über eine weitere Brücke die es früher sicher noch nicht gab. Und dann vorbei an malerischen Ausblicken über den mäandernden Fluss, an Reisfeldern die gerade frisch bepflanzt wurden.

    Kaum ist man über die Grenze, ist es wie früher. Wie eine Zeitreise in das Goa, dass ich vor 20 Jahren kannte. Die Schilder sind alt und meist nur mit den unleserlichen Zeichen beschriftet. Häuser, Läden, Straßen, alles sieht so gar nicht aus wie die Moderne. Verrostete Laster stehen am Straßenrand, dieser allgegenwärtige Tata-Typ der ein Nachbau eines Mercedes-Lasters aus der Nachkriegszeit sein muss, mit der großen runden Motorhaube. Die Straßen werden kurvig und eng, und ich fahre noch langsamer als sonst schon, da hinter jeder Kurve eine Kuh stehen oder einem ein Bus entgegenkommen kann, dem man nicht ausweichen kann.

    Jetzt sitze ich an einem malerischen Sandstrand, lang und mit Fischerbooten, eine paar indischen Familien die im Meer baden und sonst über Kilometer niemand zu sehen.

    Bunte Flaggen wehen an Fischerbooten, die Ausleger haben, aber es sind nur Ruder zu sehen. Ich sehe ein Dutzend Boote vor mir, und daneben die Fischernetze liegen.

     

     

    Später, auf der Veranda.

    Das neue Bett für die Veranda ist da. Gestern wurde es vorbeigebracht. Es ist gleich begeistert in Empfang genommen worden. Ein schöner Platz.

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    Auch mit einem perfekten Ausblick:

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    Es ist kühler geworden. So kenne ich die Wintermonate eher. Der November war noch feuchter und wärmer, wie ich sonst den März hier kenne. Jetzt ist es die paar Grad kälter dass man den Fan Nachts auch auslassen kann und es morgens noch etwas frisch ist. Und man muss nicht mehr mehrfach am Tag duschen.

    An der Eisdiele stand eine Enfield mit Beiwagen. Die Kinder haben sie sich neugierig angeschaut.

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    Heute war wieder Fleemarket Day. Wir haben uns zu Michael dazugesetzt, er verkauft immer Getränke am Eingang. Wasser geht am Besten, meint er.

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    Jetzt sagt ja auch der Arzt, man solle 3 Liter Wasser am Tag trinken, sagte er. Und so kaufen jetzt auch die Inder Wasser, früher habe das keiner gemacht.

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    Ich mag den Flohmarkt ja immer noch. Und da wir ja direkt daneben wohnen, kann man auf dem Weg zum Wasser vor Sonnenuntergang noch eine Runde darüber gehen, wenn es nicht mehr so heiß ist.

     

  • Betrachtungen am Strand von Mandrem

    Montag, 27. November 2017, 10.00 Uhr,  Am Strand in der Nähe des Surf Club, Mandrem, Goa, India

    Ich sitze im Schatten eines Baumes an den Dünen. Jetzt beginnt die ganz besondere Zeit dieser Reise. Neun Wochen haben wir, an denen alle Kinder den ganzen Tag in der Yellow School sind.  Das heißt, ich habe Zeit bis 15.30 Uhr, um mit der Enfield durch Goa zu fahren, mir einen schönen Platz auszusuchen. Mich auf ein Tuch zu setzen und zu schreiben. Man kann es auch meditieren nennen. Oder Klarheit gewinnen. Oder konzentrative Entspannung.

    Die Fahrt war schon wunderschön. Das langsame Geknatter der Enfield, die morgens noch leeren Straßen, die wunderschöne Landschaft und Goa mit seinen malerischen Ecken. Traumhaft.

     

    Was ist es, was mich an Indien so fasziniert? Ich weiß es ganz genau. Indem man auf längere Reisen geht, öffnet man sich für neue Eindrücke. Macht sich bereit, die Dinge anders zu sehen. Vielleicht beschreiben es die Begriffe Askese und Ekstase gut.

    Der erste Schritt einer Reise ist, dass man sein Gepäck packt. Man kann nicht alles mitnehmen. Im Gegenteil, will man flexibel bleiben und leicht reisen, nimmt man wenig Gepäck mit. Konzentration auf das Wesentliche. Wenn es gut funktioniert, ist das wenige was man mitgenommen hat immer noch viel zu viel.

    Ich bin viel mit dem Rucksack gereist, schon bevor ich in Indien war. Über ein Jahr durch Südamerika, Afrika und den Nahen Osten. Und ich habe diese Erlebnisse zutiefst genossen. Aber es gibt etwas, was Indien für mich einzigartig macht. Es geht los mit dem Wetter. In den Wintermonaten von Oktober bis April kann man die Kleidung, wenn man es ganz auf die Spitze treiben will, auf  Shorts und ein Lungi reduzieren.

    Jenes Tuch, welches man für ein bis zwei Euro überall bekommt. Um die Hüfte geschwungen, hat man etwas an. Auf den Sand gelegt, kann man darauf schlafen. Um die Schulter geschwungen, wärmt es in der Nacht. Über den Kopf, schützt es vor der Sonne. Kommt man aus dem Wasser, kann man sich damit abtrocknen. Knotet man es zusammen, dient es als Tasche für die Habseligkeiten. Man kann es dann an einen Stock binden und hat so die komplette Ausstattung bei sich. Es ist sozusagen „reduce to he max“.

    Aber mir geht es nicht darum, Askese zu leben. Es ist aber erstaunlich, wie sehr es erleichtert wenn man die Suche um und das kümmern um die alltäglichen Dinge reduzieren kann. So habe ich das erste halbe Jahr in Indien mit dem Eimer Wasser aus dem Brunnen und einer Toilette unter freiem Himmel,  bei der die Schweine die Klospülung waren gelernt zu leben. Es war eine befreiende Erfahrung.

    Eine kurze Hose mit einer verschließbaren Tasche und ein T-Shirt, eine Badehose und eine Sonnenbrille sind natürlich auch gut. Taschenmesser, Feuerzeug und Kerzen und ein kleiner Rucksack, ein Notizheft und ein Stift. Ohrenstöpsel und Schlafbrille und ein kleines Kopfkissen. Ein Zahlenschloss für das Zimmer ist ideal, schon kann man keinen Schlüssel verlieren.

    Und so geht es mit dem Essen und trinken weiter. Was geht immer? Kokosnüsse zum Trinken und Essen, überall zu bekommen, gesund und lecker. Meine besondere Vorliebe auch: Lemon Soda plain. Wasser mit Kohlensäure mit frischem Limonensaft. Enthält keinen Zucker, kein Salz, kein Koffein, keine Kalorien und schmeckt dennoch herrlich erfrischend. Und kostet wenig. Ideal wenn man einen schattigen Platz sucht und dafür etwa am Strand etwas in einem Beach Shack bestellen möchte.

    Zum Essen: Der Standard Dhal Fry, gelbe Linsen mit Reis oder Chapati. Kann man auch überall bekommen, und ist immer lecker. Oder Vegetable Thali, Reis mit verschiedenen Gemüsen und Soßen. Herrlich indisch. Vor allem aber natürlich all die leckeren Früchte, die es an jeder Ecke zu kaufen gibt und von denen Maracujas meine ganz besonderen Favoriten sind. Aber auch der Papayasalat mit den kleinen Bananen und Limonensaft. Oder Mangos, Ananas, Weintrauben, Guaven, Litschis und so weiter.

    Und Bewegung an der frischen Luft draußen. Ob Yoga, Schwimmen oder einfach nur spazieren gehen. Idealerweise auf einer Party tanzen.  Es wird nie kalt und der Wind ist immer lau, auch abends oder Nachts. Und das Meer immer warm.

    Aber worum geht es mir? Dem Westen zu entsagen? Auszusteigen? Fortschritt und Technik den Rücken zu kehren? Die Leidenschaften zu bekämpfen? Nein. Das Ziel ist eher die Ekstase. Denn Entsagung ist ja nur wieder eine Freiheit, gegen, nicht eine Freiheit für. Ich will mir selbst aussuchen, was mich begeistert.

    Aussteigen. Das klingt verlockend.  Wäre für mich ja nur wieder eine neue Unfreiheit. Ich bin in Südamerika aufgewachsen und weiß, dass Armut, Krankheit, Unwissenheit und Unfreiheit in großen Teilen der Welt real ist und wir uns im Westen, ganz besonders in Deutschland glücklich schätzen können. Wir leben in einer der besten Systeme der Welt. Ich will nicht dauerhaft woanders leben. Aber immer wieder Reisen. Und den Winter dort zubringen, wo es mir gefällt.

    Ich glaube: Es ist gerade die zu große Sicherheit in unserer Welt, die uns Probleme macht. Wenn man schon weiß, dass für alles gesorgt werden wird, von der Wiege bis zu Bahre, dass wir uns alles kaufen können, dass Bildung frei und es alles in fast unbegrenztem Überfluss gibt, dann wächst eine neue Abhängigkeit heran. Wir haben Angst, all das verlieren zu können was wir so sicher zu haben glauben. Und wir glauben, es gäbe bei uns einen Mangel.

    Wir glauben dann wirklich, dass Armut und unüberwindbare Probleme drohen, wenn die Bevölkerung durch Flüchtlinge um 1% wächst. Dass wir wirklich durch Umweltgifte, Terror, Arbeitslosigkeit, Kriminalität bedroht sind. Dass wir uns Angst um die Zukunft unserer Kinder machen müssen und uns Kinder nicht mehr leisten können. Das wir zu wenig von dem haben, was wir brauchen.

    Es genügt, eine beliebige philosophische oder spirituelle Weisheit zu nehmen, die man hier in Indien an jeder Ecke verkündet bekommt, um das Bild zurecht zu rücken. Die Botschaften sind im Kern immer die gleichen, ob im Westen oder Osten, gleich in welche Religion oder Philosophie.

    Der Flyer über Vipassana-Meditation, auf den mich der freundliche grauhaarige Mann Gründer des Mango-Shade Cafés hinwies, schreibt etwa dass man Buddhas Lehre oder die Grundregeln der Meditation auf drei Dinge vereinfachen kann: Vermeidung von

    1. craving
    2. denial
    3. ignorance

    Fangen wir mit dem craving an, dem Bedürfnis etwas unbedingt haben zu müssen. Dahinter versteckt liegt ja oft die Angst, nicht genug zu bekommen. Wovon auch immer. Besitz, Anerkennung, Geld, Liebe, Schönheit, Wissen, Zeit, Gesundheit, Urlaub, Entspannung, Sicherheit, Süßigkeiten etc….

    Der Coach Tony Robbins hat es auf zwei Dinge reduziert. Wir glauben alle entweder nicht geliebt zu werden oder nicht gut genug zu sein. Bei mir ist es sicherlich das Zweite.

    Die erste einfache Auflösung lautet: Wir suchen etwas von außen zu bekommen, was nur in uns zu finden ist. Und die zweite Erfahrung lautet: Wenn wir es in uns gefunden haben, dann kommt es auch von außen auf uns zu.

     

    Auch hier ist es wieder unbedeutend, woran wir glauben,  um das zu verstehen.

    Ob wir Marketing studieren und uns als „Produkt“ attraktiv machen wollen, um anziehender zu sein; es wird funktionieren. Denn wir sind nur dann wirklich überzeugend, wenn wir selbst von uns überzeugt sind. Und das sind wir wieder nur dann, wenn wir die Erfahrung gemacht haben dass wir uns auf uns verlassen können.

    Oder wir verstehen es medizinisch als das System in optimaler Balance, bei der alle Regelkreise ausgeglichen arbeiten. Und zugleich die notwendigen Abwehrkräfte haben, uns zu gesund zu erhalten.

    Oder psychologisch als Resilienz, der Fähigkeit mit den „Widrigkeiten“ des Lebens positiv umzugehen und daran zu wachsen.

    Oder im Sinne eines Survival-Trainings als die Erfahrung eines 70jährigen Rüdiger Nehberg, mit einem Messer und einem Lendenschurz in der Mitte des Amazonas-Urwalds allein seinen Weg zurück in die Zivilisation zu finden.

    Oder spirituell als Kontakt mit unserem höheren Selbst.

     

    Etwas in sich selbst finden. Was aber soll das heißen? Das ist alles schön gesagt, aber wie ich selbst weiß liegt der größte Unterschied darin, etwas zu denken und etwas zu erfahren. Man kann es lange lesen und auswendig lernen, logisch verstehen und für richtig halten.

    Den Unterschied macht erst die eigene Erfahrung. Und die braucht Zeit und Abstand. Ich habe erst nach mehreren Monaten in Asien, in Indien die klare Einsicht bekommen, es gefühlt und verstanden dass ich so sein darf wie ich bin. Dass es keine „Schuld“ zum Abarbeiten gibt, keine „Aufgabe zu lösen“ etc., bis ich mich frei und entspannt und glücklich fühlen darf.  Und ich weiß auch: Es ist eine konstante Herausforderung, dieses Bewusstsein zu erhalten.

    Was bedeutet das?

    Die noch so perfekt geplante Luxusreise wird das Gefühl der Sicherheit nicht erzeugen. Denn irgendwo wird etwas nicht wie vorgesehen funktionieren, und das wird uns verunsichern. Das Zimmer ist nicht sauber, nicht leise, irgend etwas passt nicht. Wissen wir aber überhaupt nicht, wo wir schlafen werden in einem fremden Land und finden dann doch noch etwas zur rechten Zeit, auch ohne Lonely Planet oder Internet,  sind wir positiv überrascht. Und wir lernen im Idealzustand, unsere eigene Perfektion herzustellen  – überall und jederzeit. Weil wir sie erzeugen können. Wir lernen es über Wochen, Monate, Jahre. Auch von anderen, die das auch gelernt haben.

    Das zu lernen ist ein schrittweiser Prozess. Aus meiner Erfahrung heraus dauert es länger, bis man versteht wovor man typischerweise Angst hat und was man deshalb glaubt brauchen zu müssen, um sich sicher zu fühlen. Und nicht immer wird man bereit sein darauf zu verzichten. Man muss es auch gar nicht. Es ist aber ein Lernprozess zu erkennen, dass man auf der Suche nach einem Gefühl ist.

    Wir suchen ein Gefühl. Denn auch das ist klar: man kann das Gehirn oder den Geist von vielen Aspekten her betrachten. Aber es besteht kein Zweifel daran, dass in uns biochemische und elektrische Reaktionen ablaufen, die wir als Gedanken und Gefühle wahrnehmen. Und dass das, was wir vor allem suchen ist ein Gefühl. Das wird durch Botenstoffe im Gehirn ausgelöst wird, die an Rezeptoren andocken.

    Es gibt zahllose Studien, die zeigen wie ähnlich beispielhaft die Gefühle der Vorfreude sind, und dass es sich hierbei oft um eine mit Dopamin verknüpfte Reaktion handelt. Vorfreude erzeugt eine gewisse als angenehm empfundene Aufregung. Die lieben wir.

    Andere Gefühle wieder sind mit anderen Botenstoffen verbunden. Nach einer Anspannung sich entspannen zu können. Aber ob ich mir eine 100-Millionen-Euro-Yacht oder ein Matchboxauto kaufe, es geht um die gleichen Gefühle. Und es werden im Gehirn die gleichen Reaktionen ablaufen.

     

    Die Schattenseite von etwas zu haben ist aber die Angst, es zu verlieren. Wir machen uns Sorgen. Und ganz viele Sorgen drehen sich um die Dinge. Wir kaufen Versicherungen (rein mathematisch Wetten darauf, etwas zu verlieren), weil sich das gut anfühlt. Wir würden vieles gerne machen, machen es aber nicht weil es „leider nicht geht“. Wie sollen wir die Ausbildung, die Arbeit, die Wohnung, die Dinge, die Sicherheiten des Alltags verlassen? Das fühlt sich zu gefährlich an.

    So gibt es dann gefühlt zwei Optionen: In der Extremform kann man es als Karriere machen und Aussteigen bezeichnen. Das sind die beiden Möglichkeiten, so erscheint es uns. Und so wird es uns auch häufig suggeriert. Die einen wollen es weit bringen, die anderen eine Gemeinschaft mit Gleichgesinnten auf dem Land gründen. Oder Reisende bleiben. Für beide Lebensformen gibt es ausgeklügelte Anleitungen. Die einen setzen auf gute Schulen, gute Abschlüsse, gute Jobs, gute Anlageformen. Die anderen auf alternative Lebenskonzepte, biologisches und veganes Essen, Selbsterfahrung,  freie Schulen und spirituelle Lehren.

    Ist die erste Form mehr auf das „craving“ ausgerichtet, so sehe ich bei der zweiten Lebensform das „denial“ im Vordergrund.

    Denn auch in der „alternativen Lebensweise“ kann man es sehr weit treiben. Es sterben junge Mütter unnötig, nur weil sie glauben dass sich ihr Krebs mit alternativen Methoden heilen lässt. Es fällt leicht zu verneinen, dass es Kräfte gibt die man nicht mag und auch nicht beherrscht. Es vermehren sich mache Infektionskrankheiten wieder, nur weil viele Menschen glauben dass Dinge die sie nicht verstehen wie Impfungen und Antibiotika gefährlich sind, während die gefährlichen Krankheiten als natürlich angesehen werden, auch wenn sie Leid, Behinderung und Tod bedeuten können.

    Weil es sich schöner anfühlt zu glauben, dass es Krankheit und Tod gar nicht gibt, wenn man sich nur gesund verhält.

    Oder dass es einem die Freiheit raubt, wenn man eine anstrengende Sache anfängt und sich dieser länger verpflichtet, sei es eine Ausbildung, eine längere Berufserfahrung oder eine enge Beziehung.

    Manche verneinen auch, dass alles seinen Preis hat, und man ihn manchmal zuvor, manchmal aber auch erst danach zu bezahlen hat, ob man das will oder nicht. Dass ein Schenkkreis auch nichts anderes ist als ein esoterisch verpacktes Schneeballsystem.

    Man kann überhaupt wunderbar darüber philosophieren, wie gefährlich und schlecht die Erfindungen der Moderne sind, vom Transport über das Handy, von der Krankenversicherung die man bezahlen muss bis zum Internet das gefährlich ist, wenn man all die Vorzüge täglich nutzt.

    Die größte Verleugnung derzeit ist es zu behaupten, dass wir nicht alle von der Globalisierung profitieren und nicht erkennen, dass diese erst all das erzeugt hat was wir schätzen und lieben – ein Leben für immer mehr Menschen im Wohlstand, ja Überfluss mit  Frieden, Freiheit, Menschenrechten, frei von Krieg, Armut, Aberglaube, vielem Leid und schrecklichen Ungerechtigkeiten.

    Wie viele Einwohner gäbe es in Preußen noch ohne die peruanische Kartoffel? Wie sähe das Leben und die Freiheit in einem Afrika aus, in dem noch die afrikanischen und arabischen Despoten den traditionellen Sklavenhandel betreiben würden? In Nordafrika, in dem man den kleinen Mädchen traditionell die Klitoris mit einem Messer herausschneidet und die überlebenden Frauen verstümmelt ihr Leben lang mit Schmerzen leben?

    In einem Indien mit brutalem Kastenwesen und einer Lebenserwartung von 30 Jahren? In einem Peru, in dem man noch zum Gebet Menschen auf dem Altar opfern würde? In der weiten Prärie Nordamerikas, in der man den Skalp des Nachbarstammes als Trophäe für besondere Tapferkeit sammelte?  Oder in Mitteleuropa mit brutaler Armut, Hungersnöten und furchtbaren Kriegen?

    Und dass es das Wachstum an Wissen, der Handel und die Industrialisierung, die freie Marktwirtschaft und die Liberalisierung sind, die all den Wohlstand und die Sicherheit heute ermöglicht. Cuba, Nordkorea, Venezuela, Zimbabwe – die Beispiele der so gepriesenen „Alternativen“ kann man auch nur anpreisen, wenn man aktiv die Wirklichkeit verdrängt.

    Erstaunlich, wie stark auch die Verleugnung, das „denial“ Kraft über uns hat. Verleugnung begegnet einem aber auch im Glaube, wir könnten den Tod durch bessere Medizin besiegen. Die diffuse Angst vor Anschlägen, Unfällen etc. ist auch die verdrängte Tatsache, dass alle Menschen weiter krank werden und sterben werden. Wenn alles gut läuft allerdings weniger und später.

    Es bleibt aber genauso unverständlich, dass ein Drittel der Bevölkerung freiwillig und ohne konkreten Nutzen 10 Jahre seines Lebens verschenkt und sich für fast alle so gefürchteten Krankheiten mehr „Lose in der Lotterie des Lebens kauft“, nur weil man ignoriert dass Rauchen giftig und tödlich ist.

     

    Der Sinn der Meditation ist nach vielen Lehren eben genau das herauszubekommen: Wo gibt es Dinge, an die ich anhafte? Wo gibt es Dinge, die ich verleugne?

    Und in einem dritten Schritt die Einsicht zu gewinnen und die Unwissenheit zu überwinden: Ignorance.

    Man kann sich den Lauf der Dinge von allen Seiten anschauen, aber klar ist: Die Dinge verändern sich. Nichts bleibt so wie es ist. Das Universum ist in einem Veränderungsprozess, die Erde ist es, wir selbst sind es Zeit unseres Lebens. Es gibt eine Evolution des Lebens, eine Entwicklung der Kultur, eine Veränderung der Wirtschaft. Und auch unser eigenes Leben ist eine Reise.

    Manches kann man beeinflussen, manches kann man nur akzeptieren. Am Ende ist es vermutlich leichter, wenn man die Wirklichkeit in einem ersten Schritt akzeptiert. Und sie dann nach eigenen Wünschen verändert. Aber am Ende gilt es selbst herauszufinden, wie der eigene Plan aussieht.

    Es gibt kein Pauschalrezept und keine „wahre Lehre“ an die man sich halten muss oder soll, das glaube ich zumindest. Und ich glaube auch, durch kritisches Hinterfragen der alten Wahrheiten und Experimente lässt sich die Sicherheit vertiefen und das Wissen vergrößern. Das gilt ganz besonders für das eigene Leben.

    Am Ende muss es gar nicht bis zu der Einsicht kommen, dass es ein gemeinsames Verbindendes, das Bewusstsein gibt. Das ist vielleicht viel zu weit gesprungen. Es genügt schon zu sehen, dass alles miteinander etwas zu tun hat. Dass es kleine Welten in uns gibt und große Welten um uns herum. Das wir mit ihr in Austausch stehen und hier etwas machen können.

    Wenn wir wollen, können wir etwas lernen. Und vielleicht, wenn wir Glück haben auch verstehen, dass wir glücklich und ohne Angst leben können. Liebe erfahren. Und wenn wir es wollen, unsere Existenz wie die ganze Existenz als ein Geschenk annehmen für das wir dankbar sein können. In dem wir wachsen können. In dem wir zuhause sind.

    Und bleiben werden.

     

     

     

     

     

     

     

  • Wochenende in Ashwem und Arambol

    Sonntag, 26. November 2017, 22.10 Uhr, Anjuna, Goa, India

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    Samstag morgen ist die erste Schulwoche geschafft. Und so brechen wir früh auf, um den  ersten ganzen Strandtag im Norden Goas zu verbringen. Frühstück gibt es wie immer im Mango Shade, wie Lysander meint, der beste Ort in ganz Indien. Wir lassen uns aber von einem Taxi abholen, um die langen Strände im Norden zu erkunden. Heute ist Ashwem dran.

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    Das „La Plage“, das wir suchen finden wir nicht gleich, denn es ist noch nicht wieder eröffnet. Aber man sieht das französische Paar schon eifrig beim Einrichten und dekorieren. Wie immer muss ja in der Monsun-Zeit eigentlich alles abgebaut werden, weil es dann zwischen Juli und September viel zu viel regnet und keine Touristen kommen. Und so sahen wir eifrige Maler mit Pinsel und viele Stoffe, die wieder aufgehängt werden sollen. Wir waren hier immer gern, weil es mit seinem französischen Flair etwas Besonderes ist und hervorragende Küche zu erträglichen Preisen bietet.

    Vielleicht gibt es ja auch bald eine Saison-Eröffnunsparty wie neulich im Café Artjuna?

    IMG_9413Am Strand finden wir auch bald die „Badwannen“ wieder, die die Kinder noch gut erinnern. Ein herrlicher Platz, wo die Wellen über die zerklüfteten roten Felsen brechen und in der Flut kleine „Whirlpools“ bilden.

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    Und überhaupt bietet der Strand mit seinen weiten Sandflächen und den schönen Wellen genau das, was die Kinder sich gewünscht haben. Es ist schwer, sie aus dem Wasser herauszubekommen. Und wir müssen die 30er Sonnencreme auftragen, denn die Sonne brennt.

     

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    Tara findet eine Maske und spielt begeistert mit ihr.

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    Und ich freue mich über einen ganzen Tag am und im Wasser. Ich liebe es ja, mit den Kindern in den Wellen herumzutoben und sich immer wieder umwerfen zu lassen. Auch Tara und Morpheus sind unerschrocken mit ihren Schwimmflügeln und lassen sich nicht unterkriegen. Bei allzu großen Wellen muss ich sie dann „retten“. Velis und Lysander versuchen mit oder ohne Brett am weitesten mit einer Welle mitzureiten.

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    Am Samstag Abend sind alle erfüllt und erschöpft von soviel  Wasser und Sand. Abenteuerlich ist auch die Fahrt nachts mit dem Taxi zurück. Es ist immer kaum zu glauben, dass über die engen Straßen mit so vielen Autos, Rollern, Mopeds, Fußgängern, Kühen man heil nach Hause kommen kann. Doch man sieht auch immer wieder Autos oder Mopeds im Straßengraben.  Aber wir haben einen freundlichen, vorausschauenden Fahrer und kommen heil an.

    Sonntag starten wir gleich von zu hause aus und lassen uns vom gleichen Fahrer wieder abholen. Wir passen ja gut in den Kleinwagen hinein, wenn jeder ein Kind auf den Schoß nimmt. IMG_9342

    Wir laufen den Trampelpfad zwischen den Kokosnüssen vorbei und dann an der kleinen Kapelle vor bis zum Eingang des Flohmarkt-Geländes, wo die Straße endet.

     

    Diesmal geht es ganz in den Norden von Goa, nach Arambol. Es ist etwa 20 km Fahrt und dann wollen wir noch um den Fels herum laufen, zum Lake. Morpheus wird von der Kurverei schlecht, und wir machen einen unfreiwilligen Zwischenstop. Der Taxifahrer bleibt ganz freundlich und organisiert Wasser und Limonen, zum Hände abwaschen.

    Arambol ist weiter ein abenteuerlicher Ort, aber früh morgens ist alles noch leer.

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    Weiter geht es den Strand entlang bis zum Weg um die Felsenklippe. IMG_9352IMG_9355

    Morpheus bekommt ein Marvel-T-Shirt, dass er gleich anzieht. Wie Velis auch ist er immer mit Stock unterwegs.

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    Der Weg lohnt sich aber, denn die nächste Bucht bietet nicht nur einen sehr schönen Strand, es gibt auch einen Süßwassersee. Jetzt so früh nach dem Monsun ist er noch voller Blätter und erstaunlich warm, ja geradezu heiß.

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    Es sind wie überall viel mehr Inder und Russen unterwegs. Wir lernen ein sehr nettes Paar aus Kasachstan kennen. Sie ist ursprünglich Ukrainerin, er kommt aus Aserbaidschan. Wie so viele wurden ihre Eltern nach dem 2. Weltkrieg nach Kasachstan umgesiedelt. Sie sind länger unterwegs und wollen in Asien auch ihr erstes Kind bekommen. Wie so oft fallen wir mit unseren vier Kindern auf und werden darauf angesprochen.

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    Wenn wir dann die schlafenden Kleinen in der Dunkelheit durch die Palmen zurück zum Haus tragen fällt uns wieder auf, wie anders unser Leben hier doch ist als in Deutschland. Aber morgen früh geht es wieder in Schule und Kita.

  • Die erste Woche wieder in Goa

    Freitag, 24. November 2017, 15.00 Uhr, Anjuna, Goa, India

    Eine Woche sind wir jetzt in Goa. Unser Leben hat sich schon etwas angepasst, wir sind langsamer geworden und an die Hitze haben wir uns auch schon mehr gewöhnt.

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    Die Kinder sind gut in der Schule und Kita angekommen, und genießen auch die neuen Freiheiten, wie eine nächtliche Spritztour mit den Eltern.

     

    IMG_9221Es gab schon eine erste Party, die Saisoneröffnung des Café Artjuna. Aber sonst ist es noch ruhig und man munkelt, es sei dieses Jahr weniger los.

     

    Es gibt neue Dinge, wie italienisches Eis auf dem Heimweg von der Schule…

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    aber Vieles ist so wie immer, und die Kühe laufen weiter auf der Straße nach Lust und Laune spazieren.

     

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    Wir haben das Haus soweit eingerichtet, waren mit den Motorrädern in der 15 km entfernten Stadt Mapusa, auch Mopsa genannt. Der gab es leckeres Obst auf dem Markt und Tücher für unsere Veranda.

     

    Die Kita der Yellow School macht einen sehr guten Eindruck, Morpheus und Tara haben schon erste Freunde gefunden und gehen gerne hin. Noch holen wir sie schon um 13.30 ab, damit der Anfang ihnen leichter fällt.

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    Tara hat von der Kindergärtnerin einen schönen Zopf bekommen.

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    Morpheus freut sich über das Ausgraben von Dinosaurierknochen.

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    Velis und Lysander haben die ersten Bekanntschaften in der Schule geschlossen und auch schon Hausaufgaben nach Hause gebracht. Lysander wunderte sich, dass niemand in der Klasse, nicht einmal die Lehrerin je einen Füller gesehen hatte.  Es ist sehr offen und kreativ, man darf auch aufstehen und herumlaufen und es wurde viel gebastelt und gemalt, Lysander und Velis haben zwei süße Stoffmäuse mit nach Hause gebracht. Wie der Schulleiter schon meinte, Schule solle ein Abenteuer sein. Bei Mathe und Science helfe ich nachmittags noch mit. Beide üben eifrig Englisch, eine App hat es Velis besonders angetan und er sitzt noch bis in die Abendstunden und übt.

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    Wie auf einer Dorfschule sind es bisher nur 10 Kinder in Klasse 5 und 6 gemeinsam. Der Einfachheit halber kam Velis so gleich mit dazu. Stolz erzählte er: Ich gehe jetzt in die 6 Klasse. Und die Lehrerin ist wohl sehr nett.

    Die German Bakery macht einen guten Eindruck, das Essen ist weiter sehr lecker und es gibt neu einen zweiten Stock, der bald eröffnet werden soll.

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    Wir haben die freie Zeit morgens genutzt um das Haus einzurichten und waren auch auf der Suche nach einem Bett für die Veranda. Wir haben uns bei den örtlichen Tischlern umgeschaut, es gab historische Betten zu kaufen, die wieder renoviert würden:

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    Zwischen den ganzen Sachen gab es tatsächlich immer wieder schöne alte Betten zu begutachten.

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    Am Ende aber haben wir auch Michaels Rat seinen Tischler geholt, der uns jetzt ein Bett genau passend für unsere Wünsche baut. Nächste Woche solle es fertig sein.

     

    Tara und Morpheus finden viele schöne Plätze zum Spielen.

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    Aber die meiste Zeit sind wir doch am Strand. Morgens gehen wir vor unserer Haustür am Strand spazieren und länger schwimmen, sehr schön dort gemeinsam Zeit zu haben.

    Nachmittags geht es dann meist gegen 16.30 los, wir testen bisher verschiedene Strände in Anjuna aus, denn die Kinder lieben auch Wellen sehr. Aber Favorit bleibt South Anjuna und das Curlies, das Essen ist da einfach auch am besten. Und man kann von uns aus hinlaufen.

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    Wir haben schon die ersten Traveller kennengelernt und wieder festgestellt, dass Goa und Anjuna einfach weiter ein Anlaufpunkt für spannende und interessante Leute ist, die ein ungewöhnliches Leben führen.

     

    Heute morgen lief eine Schlange vor mir durch den Garten, sehr dünn, über einen Meter lang und ziemlich schnell. Es war wohl aber ein harmloses Exemplar.

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    Wie immer wollen viele Inder mit einem Fotos machen. Neu ist auch die Variante Videocall mit den Freunden daheim, wo man dann winken soll. Unter der Woche war es jetzt erstmal wieder ziemlich ruhig am Strand. Doch dieses Wochenende ist nach dem Enfield Festival jetzt die das India Bike Weekend in Vagator auf dem Hilltop. Und so sind wieder Heerscharen an Motorradfans am Anreisen.

    Ein freundlicher älterer Inder sprach mich an, ob ich nicht Briefmarken aus meinem Land hätte. Ich kam mit ihm ins Gespräch, er war sehr gebildet und interessiert. Ich hatte aber keine Briefmarken dabei, versprach aber seine Adresse weiterzugeben.

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    Michaels Frau Carmin kocht uns den ersten Goa Fishcurry zum Mittagessen, sehr lecker. Beide sind immer noch erstaunlich aktiv, Michael ist wie immer mit dem Roller viel unterwegs. Und es gibt viel zu tun, heute wurden die Kokospalmen von alten Blättern und reifen Kokosnüssen befreit. Immer eine spannende Sache, wie der Coconut-man da barfuß hochklettert. Wir bekamen frische Kokosnüsse für die Kinder geschenkt, die die jetzt schon ausgetrunken haben. Und hinter dem Haus wurde das alte Gras verbrannt, auch spannend für Tara und Morpheus. Das Hausmädchen von Carmin ist währenddessen dabei, die ganzen Kokosnüsse aufzusammeln.

    Strom und Wasser sind weiter oft aus, das ist eher schwieriger geworden. Kein Wunder, wenn es immer mehr Leute hier gibt die mehr Wasser und Strom verbrauchen, das Angebot aber nicht hinterherkommt. An einem Ort mit 3000 mm Niederschlag im Jahr kann das Wasser aber auf Dauer nicht knapp bleiben, da bin ich sicher.

    Immerhin wurde schon mit der Müllabfuhr angefangen, seit diesem Jahr kommt ein Mann mit einer original deutschen Mülltonne vorbei. Es wird sogar sortiert nach Glas und Plastik, nur macht das jemand für einen. Aber man muss den Mann auch bezahlen und ihm auch noch ein „Trinkgeld“ geben, sonst kommt er nicht vorbei. Und so wird immer noch sehr viel vor der Tür verbrannt, wie man es traditionell kennt.

     

    Doch das Wichtigste ist für diese Woche: Unsere großen Jungs haben die erste Schulwoche in Indien geschafft. Wir sind stolz auf sie.

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  • Ankunft in Indien

    IMG_9026.JPGFreitag, 17. November 2017, 21.16 Uhr, Blaues Haus bei Michael de Souza, Anjuna,  Goa, India

    Es fällt mir schwer die Ankunft in Indien sachlich zu beschreiben – zu sehr liebe ich dieses Land und ganz besonders die spielerische Variante des bunten indischen Chaos,  das Goa bietet. Ich finde das neue Terminal 2 in Mumbai sehr elegant mit seinen weißen Säulen und den Wandelementen, die über Stockwerke hinweg Indien und seine Kultur künstlerisch darstellen. Wir stellen uns an der Schlange für Frauen und Kleinkinder an, das vermeidet die große, stundenlange Immigration-Warterei.

    Man lässt uns auch vor, weil wir nur gute 3 Stunden zum Umsteigen haben. Das mag großzügig klingen, ist aber in Mumbai fast unmöglich zu schaffen. Es mag an dieser Liebe für Stempel liegen, die in verschiedenen Farben mehrfach an jeder neuen Kontrolle auf alles was man bei sich hat aufgedruckt werden müssen, auf Bordkarten, Flugtickets, das Einreiseformular, den Reisepass, und dann mindestens noch zwei Mal wieder von jemand neuem kontrolliert werden müssen.

    Aber es erscheint alles wie eine Inszenierung, um ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit zu erzeugen, in einem Land in dem doch vieles recht chaotisch organisiert wird. Weil wir uns an jeder Schlange freundlich nach ganz vorne vordrängeln, gelingt es, aber wir rennen. Und schaffen es nassgeschwitzt mit überdreht-übermüdeten Kindern nach der Landung 2.15 Uhr um 5.30 Uhr nach Goa abzuheben.

    Wir landen im Nebel, es ist feuchtheiß, die Sonne versteckt sich noch. Wir brauchen zwei Taxis, Non-AC, hinter dem Flughafen ist die einzige Ampel in Goa, wie es immer hieß, verschwunden. Die Taxifahrer fahren neue alte Schleichwege an Fluss vorbei, entlang an den improvisierten Schiffswerften, wo die verrostete Eisenerzfrachter auf Land wieder auf Vordermann gebracht werden. Ich lese in der Zeitung, dass die Eisenerzminen flussaufwärts nach dem Monsun ihren Arbeit noch nicht wieder aufgenommen haben. Der Weltmarktpreis von 60 US-Dollar pro Tonne macht den Abbau derzeit nicht lohnend.

    Der Verkehr hat zugenommen, der Driver überholt wie immer auch wenn bergauf ein Laster entgegenkommt und vertraut darauf, dass alle rechtzeitig noch ausweichen werden. Sie tun es immer.

    Wir kommen nach einer Stunde Fahrt an, am Donnerstag, ein Tag nach dem Fleemarket in Anjuna.

    Die Buden stehen leer am großen Feld die Straße entlang aufgereiht, und sofort sind wir von Frauen umringt, die ich alle schon lange kenne. Sie arbeiten als Trägerinnen und lassen sich unsere 25kg-Taschen auf den Kopf heben, eine weiter noch unter dem Arm.

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    Es geht den Trampelfad durchs „Gemüse“, wie Nadine immer sagt, zickzack zwischen den Kokospalmen, vorbei an Gestrüpp und dem halbverbrannten Müllbergen von gestern, unter zu tief hängenden Stromkabel vorbei an Toilettenhäuschen bis zu Carmin und Michaels altem Haus. Daneben steht es, frisch gestrichen, das blaue Haus von Michaels Sohn Max. Der fährt zur See, als Barmann auf einem Kreuzfahrtschiff und so können wir es nutzen, wenn er nicht da ist.

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    Ich kam 1995 nach der echten „Morgenlandfahrt“ über Land das erste Mal in Goa an,  nach drei Monaten Bus und Zug durch Europa, Türkei, Iran, Pakistan und Nordindien recht erschöpft, und landete ahnungslos aber mit dem richtigen Riecher in Anjuna. Dort, wo seit den 70ger Jahren der Hippie-Flohmarkt stattfindet. Und seit dem bin ich immer wieder im deutschen Winter nach Anjuna zurückgekehrt, dieses Mal ist es das 13. Mal.

    Und direkt an diesem Flohmarkt, im alten Dorf von Süd-Anjuna wohnt Michael de Souza, der bei meinem ersten Kennenlernen 2002 schon fast 70 Jahre alt war. Ich suchte eine Unterkunft, und fragte mich bei den Einheimischen durch. Es war um die Weihnachtszeit, und damals räumten Michael und seine Frau Carmin immer ihr Wohnzimmer leer, um in Schlafzimmer und Küche zu ziehen und ihre gute Stube an Reisende zu vermieten.

    Diese klassischen Häuser im Goa-Stil haben Wände aus den roten Steinen der Gegend, eine große überdachte Veranda und ein ziegelgedecktes Dach – immer dort von Wellblech ausgebessert, wo zu Kokosnüsse zu oft von den Palmen fallen.

    Seitdem sind wir immer dort zuhause gewesen, viele Jahre in ihrem kleinen urigen Gästehaus und seit  unsere Familie gewachsen ist immer wieder im modernen blauen Haus. Über die Jahre ist eine Freundschaft entstanden, und so kennen die beiden Nadine und mich seit unserem ersten langen Aufenthalt 2005/06 auf unserer Hochzeitsreise damals, und dann erst mit einem, dann zwei und schließlich drei Kindern. Jetzt sehen sie das erste Mal Tara.

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    Am ersten Tag sind wir noch übermüdet, die feuchte Hitze ist drückend und wir erledigen nur das Notwendigste. Michael leiht mir seinen Roller, so kann ich mit Velis die erste Runde drehen, Einkaufen fahren und wir gehen alle als es kühler geworden ist den kurzen Fußweg zum Strand vor.

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    Die Obstverkäuferin ist wie immer da, freut sich uns wiederzusehen und wir bestellen gleich Maracujas für morgen vor und trinken Kokosnüsse. Essen bei Curlies Momos und den ersten Kingfisher butter garlic zu Abend, genießen alle das nach Südafrika erstaunlich warme Wasser des indischen Ozeans und feiern den ersten Sonnenuntergang mit einer Pina Colada.

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    Das ganze Abendprogramm mit Waschen und bettfertig machen gibt es dann traditionell bei Kerzenlicht;  Stromausfall. Ein Klassiker in Indien, aber kein Problem, ich habe geschaut wo die Kerzen liegen als wir ankamen, es ist sehr gemütlich; nur auch sehr heiß. Die Nacht schlafen die Kinder noch etwas unruhig als der Ventilator wieder dreht. Nach der Reisenacht schlafen aber alle lang und wachen erfrischt wieder auf.

    Heute wird es dann ernst. Ich nehme die großen Jungs auf den Roller mit. Erst noch frühstücken im legendären Mango Shade bei Avocado Mushroom Toast, Fruit Porridge und Strawberry Shake. Doch dann geht es auf zur Schule, zur Yellow School. Karl, der Schulleiter begrüßt uns freudig mit drei Tage-Bart, in Stiefeln, kurzer Armee-Hose und einem farbverschmierten T-Shirt. Er streicht gerade die Schule neu, um nach dem Monsoon für die jetzt startende Saison alles frisch in gelb, orange und hellgrün zu tünchen.

    Wir bekommen eine Schulführung, eine kurze Erläuterung über die Fächer und Ablauf und dass es ihm darauf ankommt dass es den Kindern Freude bereitet, in diese bunte Schule zu gehen. Schließlich sind es Kinder aus aller Welt, deren Eltern mal kurz, mal länger hier in Goa sind, und Englisch ist für viele eine Fremdsprache. Also wird es langsam losgehen, mit viel Sport, Theater, aber auch mit den englischen Lehrbüchern für Mathe, Naturwissenschaften und Englisch. Immer von 9.00 Uhr bis 15.30 Uhr. Und gegenüber auch sehr schön die Pre-School, dort werden Tara und Morpheus hingehen.

     

    Danach finden wir noch die Maracujas für Velis, ich fahre mit Lysander und Morpheus zum Nachbarort Vagator zum Hilltop, dieses Wochenende ist dort das Enfield Festival, drei Tage lang. Deshalb sind tausende von Indern mit ihren Motorrädern angereist, und es ist laut und wild dort oben. Ich beschließe, ich werde mir auch wieder eine Enfield ausleihen. Es macht einfach zu viel Spaß mit diesem Uralt-Motorrad, einem indischen Nachbau eines englischen Nachkriegsmotorads zu fahren.

    An der klassischen Straßenkreuzung in Anjuna finde ich jemand, der mir eine organisieren will. Über Nacht wird er noch einen zweiten Sattel montieren, morgen um 10.00 treffen wir uns am Flohmarkt. Und dann steht es auch tatsächlich vor der Tür:

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    An der Tankstelle gibt es kein Benzin, also füllen wir den Tank traditionell am Straßenrand auf.

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    Dann wird auch meine neue indische Telefonkarte aktiviert, beim Laden neben dem Postamt. Wie immer kreativ-chaotisch und dabei super freundlich;  echt indisch eben. Passfotos, Visakopien, ungefähr 25 Unterschriften, man braucht eine indische Kontaktnummer die dann in den nächsten Stunden angerufen wird und die eigene Existenz bestätigen muss; Michael ist schon vorbereitet.

    Ich nehme das größte verfügbare Paket von Vodafone mit 1 GB Datenvolumen pro Tag für 84 Tage für 999 Rupien. Und der Euro steht bei 75 Rupien. Weniger als 5 Euro pro Monat für fast 30 GB Daten. Aus der Sicht des digitalen Nomaden schon einmal unschlagbar.

    Nadine hat auch einen gelben Roller bekommen und so treffen wir uns mit allen Kindern beim Mango Shade noch einmal. Unser Großfamilie wird freudig begrüßt. Danach geht es zum Strand, die Kinder sind nicht mehr aus dem Wasser herauszubekommen, nur die leckeren Momos und der Fisch locken sie heraus. Lysander und ich helfen mit, als die Fischer ihr Fischerboot mit dem frischen Fang an Land ziehen.

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    Es ist viel los, nach Sonnenuntergang sind die Verkäufer mit den Blinkelichter für unsere Kinder ein magischer Anziehungspunkt, und sie kaufen sich Fidget-Spinner mit drei-Farben LED und sammeln in der nächtlichen Brandung Leuchtstäbe ein, die ein euphorischer Inder gleich dutzendweise ins Meer geworfen hat. Am Ende sind unsere Kinder auch in der Dunkelheit am Strand gut zu sehen.

    Man merkt, die Saison beginnt. Und wir freuen uns auf die kommenden Wochen und Monate hier.

     

    Samstag, 18. November 2017, 15.43 Uhr, 

    Velis hat Geburtstag! 9 Jahre ist er heute geworden, richtig groß schon. Wir freuen uns alle mit ihm.  Begeistert ist er über die kleinen und großen Geschenke.

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    Velis kennt ja Indien praktisch genau so lange wie er auf der Welt ist, er war damals 2008 das erste Mal nach Weihnachten hier hergekommen, hier ins blaue Haus, mit nur 6 Wochen und gleich für 3 Monate.  Er hat noch nie Antibiotika bekommen und ist praktisch nie krank. Ich vermute immer, sein Immunsystem hat ein paar Trainingseinheiten mehr abbekommen hier. Heute werden wir mit ihm den Tag feiern!

    Und so geht es gleich los an den Strand.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

  • Mittwoch, 15. November 2017, 10.50 Uhr, im Emirates Flieger nach Dubai

    Emirates ist eine besondere Flugerfahrung. Die Kinder bekommen nicht nur Geschenke, es wird auch ein Foto mit der Sofortbildkamera gemacht und ihnen in einer Grußkarte übereicht.  Überraschung! Tara bekommt ihr Menü persönlich zuerst serviert: „Miss Tara“. Das Unterhaltungsprogramm ist außerordentlich umfangreich. Und der Flieger ist halbleer, weil Emirates als einzige Fluggesellschaft der Welt nur auf Großraumjets setzt. Sie fliegen 100 Airbus A 380 und 150 Boeing 777, und sonst nichts. Und die Freundlichkeit der Crew ist nicht mehr zu überbieten.

    Ein ehrgeiziges Konzept für die nächste Stufe der Globalisierung. Noch ist nicht sicher, ob sich der Plan durchsetzt – keine andere Fluggesellschaft kauft den europäischen Super-Jumbo in großer Stückzahl, und so wird bei Airbus diskutiert, die Produktion einzustellen.

    Aber Emirates setzt darauf, dass es von Dubai aus die ganze Welt nonstop bedienen kann, und der Flughafen Dubai soll eines der größten Drehkreuze der Welt werden, mit geplanten 90 Millionen Passagieren im Jahr 2020. Und natürlich lassen sich mit größeren Flugzeugen mehr Passagiere über die enger werdenden Startslots transportieren. Südafrika-Dubai mit der Boeing 777 mit bis zu 428 Passagieren ist aber jedenfalls noch nicht ausgelastet, ich bin gespannt wie es mit dem Airbus A380 mit 615 Sitzplätzen aussehen wird, den wir nachher von Dubai nach Mumbai fliegen.

    Ein entspannter Flug. Wir sind schon viel routinierter als bei den ersten Flügen, und auch die Kontrollen und das Einchecken liefen problemlos ab. Wir hatten ja die vorgeschriebenen Geburtsurkunden der Kinder noch einmal von der Cloud heruntergeladen und in besserer Auflösung im Hotel ausdrucken lassen, so gab es bei der Ausreise auch keine Probleme. Eine absurde Vorschrift, die ich aus keinem Land der Welt kenne. Für mich ein Zeichen, wie irrational die Regierung von Jacob Zuma handelt. Den Tourismus mit Kindern zu einer Bürokratie-Tortur werden zu lassen, kann keinen Sinn für ein Land wie Südafrika machen.

    Nur unser Gepäck hat weiter zugenommen, jetzt sind es neun Gepäckstücke. Es wird immer mehr, vor allem weil die Kinder Bälle, Styropor-Surfbretter und Sandspielzeug bekommen haben und wir auch unsere übriggebliebenen Nahrungsmittel mitgenommen haben.  So sind alle drei Ortlieb-Transportsäcke jetzt im Einsatz.

    7000 Kilometer mit dem Wohnmobil liegen hinter uns. Wir haben auch die letzten 600 Kilometer noch gut an einem Tag geschafft, und Johannesburg machte ganz anders als Kairo den Eindruck einer relativ modernen Großstadt auf uns. Die Kinder waren erstaunt, so viele Autos zu sehen und Stadtautobahnen mit 5 Spuren pro Richtung. Wir haben einen Tag gebraucht, das Wohnmobil auszuräumen, Ordnung in unser Gepäck zu bringen und den Wagen abzugeben.

    Mit unserer Vorgeschichte war klar, das ganze Thema lässt sich nicht vor Ort erledigen, ich bin gespannt ob wir wirklich wie versprochen überzeugt werden, dass wir noch einmal bei MAUI buchen. Der Manager müsse jetzt entscheiden, wer die Kosten aller Ersatzreifen, Reparaturen und der Ausfalltage für uns trägt, hieß es. Die Erklärung war einfach: Hier in Johannesburg wäre das niemals passiert, über die Station in   Windhoek/Namibia gäbe es leider viele, viele Beschwerden.

    Die letzte Nacht in Afrika blitzt und donnert es, und es regnet in Strömen, bis morgens am Flughafen noch. Wir freuen uns für Südafrika, dass ja die ganze Zeit mit Wasserknappheit zu kämpfen hatte, da es zu lange zu wenig geregnet hatte.  Und alle freuen sich auf Indien und darüber, dass wir die drei Monate in Afrika so gute Erfahrungen gemacht haben.

    Am Flughafen sehe ich einen Buchladen, ausgestellt sind Bestseller eines Richard Templar: The Rules of Management. Er deckt gleich mit weiteren Büchern alle Themen ab: Love, Parenting, Work, Life, Wealth. Ich mag ja solche Bücher, und lese mal kurz herein. Praktische, einfache Regeln, pro Seite eine. Ich bin ja überzeugt: Würden die meisten Menschen solches Grundlagenwissen lesen und anwenden, wären viele Probleme der Welt gelöst.

    Es geht voran auf der Welt, daran besteht kein Zweifel. Auch Südafrika hat einen guten Eindruck auf mich gemacht. Sicher, die Probleme sind gewiss noch groß, und manche erscheinen unüberwindbar. Aber Vieles ist bereits auf einem für Afrika erstaunlich hohem Niveau. Die Straßen sind gut, sie werden ausgebaut. Es liegt kein Müll herum wie etwa in Indien. Die Siedlungen der weniger Wohlhabenden sind meist schon ordentlich gebaut, nur um Johannesburg sieht man dann doch auch 30 km außerhalb Wellblechhütten, die ohne Plan, Wasser und Strom errichtet wurden. Das ist aber die Ausnahme.

    Sicher, die Kriminalität ist ein großes Problem, und wie überall in Afrika, aber auch in Lateinamerika ist die Mordrate viel höher als bei uns. Wie meistens werden es die jungen Männer sein, wie auch bei den Unfällen im Straßenverkehr, die zu viele Menschen vorzeitig sterben lassen. Aber würde man eine Statistik der Todesursachen aufführen, so belegen natürlich Krankheiten die vorderen Plätze, nicht unnatürliche Tode, und die Lebenserwartung steigt, wie überall auf der Welt.

    Vor allem seit es für Aids wirksame Medikamente gibt und sich zumindest ein gewisses Bewusstsein für die Ursache dieser Krankheit gebildet hat. Immerhin liegen wie auch in Namibia in allen öffentlichen Toiletten, an der Hotelrezeption etc. kostenlose Kondome aus. Wichtig, denn die ja schon aus der Wahrnehmung verdrängte größte Katastrophe Afrikas war und ist die Aids-Epidemie, die hier Millionen Menschen getötet und Kinder zu Waisen hat werden lassen.

    Im Economist dieser Woche ist ein Schwerpunkt Afrika und Technologie. Kaum zu glauben, aber über die Hälfte der Afrikaner hat immer noch keinen Zugang zu Elektrizität. Hier wird es durch den technologischen Fortschritt die größten Potentiale geben, denn es wird sich nie lohnen, die fernen Dörfer in den riesigen Ländern mit Stromleitungen zu versorgen. Ein Haushalt anzuschließen kostet etwa das Jahreseinkommen eines Afrikaners, um die 4000 Euro. Dagegen sind Solarpanels und Batterien schon für 100 Euro aufwärts zu bekommen, und beginnen bereits den Alltag zu verändern. Aber wir stehen hier ganz am Anfang.

    Neubausiedlungen für Arme haben bereits den Solarkollektor für Warmwasser auf dem Dach. Es ist bedauerlich, dass dies immer noch die Ausnahme ist und man in der Regel Strom oder Holz verwenden, um Warmwasser zu erzeugen, in Ländern wo schon eine schwarze Tonne genügt um das Wasser auf angenehme Temperatur zu erwärmen.

    Wir haben in Südafrika die ersten Windkraftwerke und Solaranlagen gesehen. Und in Südafrika wenden die Obstplantagen die wassersparende Tropfenbewässerung über verlegte Mini-Schläuche an, die nur die Wurzeln des Strauches mit Wasser versorgen, nicht aber das ganze Feld mit dem Unkraut dazu. Ich erinnere mich genau, wie ich vor über 30 Jahren beim Schüleraustausch in Israel mir die Schüler im Kibbuz Afikim diese dort bereits hergestellte Technik auf den Feldern zeigten, mit der man den Wasserverbrauch radikal reduzieren kann. Es ist nicht kompliziert, es sind nur zusammensteckbare Minischläuche mit Ventilen und Düsen. In Ägypten war davon nichts zu sehen, vermutlich auch in den meisten Ländern Afrikas noch nicht, auch wenn dort Wasserknappheit herrscht.

    Es sind die Chinesen, die groß in Afrika investieren. Sie haben sich die gewaltige Summe von 1000 Milliarden Dollar vorgenommen, um die Infrastruktur Afrikas zu modernisieren. Und man sieht das Ergebnis. In Namibia und Südafrika wurden die alten Kapspurgleise mit 1067 mm Spurbreite wieder hergerichtet, und gewaltige Güterzüge fahren auf dieser erstaunlich leistungsfähigen Schmalspur.

    Es wird funktionieren, davon bin ich überzeugt, denn natürlich schafft China sich so neue Absatzmärkte und sichert sich Rohstoffquellen, und die bald 1 Milliarde Afrikaner sind ja die einzige Region auf der Welt, deren Bevölkerung noch deutlich wachsen wird, mit noch vier statt zwei Kindern oder weniger pro Kopf wie im Rest der Welt.

    Der Kleinbus, der uns vom Hotel zum Flughafen brachte sah exakt aus wie ein VW oder Mercedes Sprinter, war aber ein SAIC Maxus. Ich habe noch nie etwas von dieser Firma gehört, der Shanghai Automotive Industry Corporation, aber sie verkaufen wohl schon 25 Millionen Fahrzeuge im Jahr.

    Platz gibt es auf jeden Fall, das ist klar. Auch in Südafrika fährt man stundenlang durch menschenleere Gegenden. Die Herausforderung wird sicher in der Ernährung und Versorgung mit Wasser, Strom, Verkehr und Internet liegen, sowie die Bildung sicherzustellen. Und natürlich darin, stabile politische Verhältnisse zu erzeugen. Aber, wie der Economist auch schreibt, es ist kein Wunder dass die Kriege noch immer dort stattfinden wo es an all dem mangelt  – Südsudan, Zentralafrikanische Republik, Somalia. Ohne Strom und ohne Telefon ist man abgeschnitten von der Welt, aber empfänglich für gewaltsame Scheinlösungen. Den größten Unterschied wird der Zugang zum mobilen Internet machen, das zeigt sich bereits jetzt in den vielen neuen Möglichkeiten, etwa für Kleinbauern festzustellen, wo und wann man für ihre leicht verderbliche Ware einen Käufer findet.

    Es wird spannend auf der Welt, auch weil die neue Quelle der Information weltweit Google und vor allem Facebook ist. Facebook will ja besonders die bisher noch nicht mit Internet versorgten Menschen ansprechen – und das spürt man in Afrika. So ist etwa in Namibia Whatsapp noch verfügbar und kann sogar Videos weiterleiten, wenn das normale E-Netz zu nichts mehr in der Lage ist. Und das Datenvolumen einer Prepaid-Karte wird aufgeteilt in 1GB Internet und 500 MB Whatsapp – ist also das Internet aufgebraucht, funktioniert immer noch Whatsapp – das ja zu Facebook gehört.

    In Südafrika gibt es dann eine freie Variante von Facebook – diese enthält keine Fotos oder Videos, wird aber auch nicht auf das Datenvolumen angerechnet. Facebook verdient wie Google sein Geld damit, besser auf den Kunden zugeschnittene Werbung zu verkaufen. Das funktioniert. Facebooks Gewinne durch Werbung sind im letzten Jahr um 80% angestiegen. Und die Hälfte der Internet-Werbeeinnahmen weltweit machen Alphabet (Google) und Facebook.

    Die neue Währung ist Aufmerksamkeit. Diese Ökonomie der Aufmerksamkeit hat zwei Kennzahlen: Wird es angeklickt und wie lange bleibe ich dort, und wird es geteilt?

    All das wird natürlich gemessen, und kann in tausenden von Varianten getestet werden. So kann detailliert untersucht werden, welche Werbung oder welche Information am besten funktioniert.

    Zwei Elemente haben den höchsten Effekt: Humor und Empörung. Wir kennen das Ergebnis von den Katzenbilder und den AFD-wählenden Wutbürgern. Da die sozialen Netzwerke die Information häufiger bringen, die zu unseren Meinungen passt und die seltener, die uns nicht gefällt, entsteht der sogenannte „information bias“. Unser Realitätstunnel wird enger. Und Empörung stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Es gibt viele berechtige Gründe, sich zu empören, und so hat das Internet etwa in autoritären Ländern tatsächlich die Macht, die Machtgefüge real zu verändern. In China sind deshalb vermutlich mehr als eine Millionen Zensoren im Einsatz, um regimekritische Informationen zu unterbinden.

    Grundsätzlich aber polarisieren sich die Meinungen. Es gibt weniger Konsens, sondern stärkere Radikalisierung. Links wie rechts. In den USA sieht man es erfolgreich bei Breitbart News, der so wirksamen rechten Medienplattform des Steve Bannon, der es zeitweise bis in die Trump-Regierung geschafft hat. Nachdem er von Trump geschasst wurde, sagte er in einem Interview mit dem Economist, dass er sich freue wieder für Breitbart arbeiten zu können. Dort hätte er die wahre Macht.

    Und dieses System ist anfällig für Manipulation. Der Einfluss von Putin auf die Wahl in den USA, der Ausgang des Brexit  – es sind die ersten klaren Beispiele dafür, wie Abstimmungen durch das Internet gezielt durch Falschinformationen beeinflusst wurden. In den letzten Monaten vor der USA-Wahl überholten die Falschmeldungen bei Facebook die realen Nachrichten in der Zahl der Klicks und Weiterleitungen. Ganz vorne dabei: Gerüchte, dass Hillary Clinton an Epilepsie erkrankt sei, Wahrheitsgehalt: Null. Ich bin sicher, auch in Katalonien haben Gerüchte und Falschmeldungen den zentralen Anteil daran, dass die Loslösung von Spanien jetzt für rechts wie links so attraktiv geworden ist. War es bei den Briten die EU, so ist es bei den Katalanen eben Madrid, denen man leicht die Schuld an allen Problemen geben kann.

    Es gibt deswegen schon Überlegungen, ob man nicht vor jedem Weiterleiten die Warnung erscheinen müsste: Willst Du das wirklich teilen? Denn es ist gerade die Komplexität der Wirklichkeit, die dabei verloren geht und es erscheinen die einfachen, falschen Lösungen naheliegend.

    Ein Beispiel der letzten Zeit: Angeblich gibt es ein Wundermittel gegen Krebs, und die Pharmaindustrie will das verheimlichen. Dieses Mal war es Methadon, ein etabliertes Opiat.  Das behauptete zumindest eine typische, auf Empörung aufgebaute Story die im Internet kursierte. Auch meine Facebook-Freunde leiten solche Meldungen weiter – denn sie klingen so überzeugend.

    Darunter findet man meist zahllose Kommentare die sich alle einig sind. Es ist egal, dass die ganze Story unwahr ist. Es stärkt das eigene Weltbild derer, die sowieso schon wissen wie böse die Industrie ist, besonders die Pharmaindustrie. Wie komplex die Wahrheitsfindung in der Medizin wirklich ist, mit ihren prospektiven randomisierten doppeblind-placebokontrollierten Studien und Metaanalysen, wissen die meisten Menschen nicht. Es genügt schon, wenn irgend jemand irgend etwas behauptet, um es für wahr halten zu können. Hauptsache es passt zum eigenen Weltbild.

    Was aber gilt es zu tun? Zum einen gilt es, nur dann etwas weiter zu verbreiten, wenn man sicher ist dass es auch wahr ist. Und nichts, was nur durch Sensationsgier, Angst etc. wirkt. Man sollte deshalb auch über Terror, Anschläge etc. weder posten noch sprechen, weil die Verunsicherung und Empörung genau das Ziel ist und es genau solche Taten häufiger werden lässt.

    Und es ist auch nicht moralisch schlimmer, wenn ein Mensch durch eine Katastrophe stirbt, wie wenn er durch einen Unfall oder eine Krankheit ums Leben kommt. Wenn die ganze Welt darüber spricht, wurden meist Angst und Sensationsgier angestachelt. Wir sollten uns dem enthalten.

    Der Schlüssel ist die Aufmerksamkeit. Das stimmt nicht nur im Internet. Auch unsere wichtigste Entscheidung, die wir jeden Augenblick neu treffen können lautet: Was oder wem schenken wir unsere Aufmerksamkeit. Es wird sich vergrößern und wachsen, je häufiger wir es tun. Aufmerksamkeit ist unser wertvollstes Gut.

    Es ist eine wichtige Frage, womit ich meine Zeit verbringen möchte. Eines meiner Lieblingszitate ist: „If you don´t have a plan, you´re part of somebody elses plan“.  Hast Du keinen Plan, hat jemand anders einen für dich.

    Es lohnt sich zu fragen, was man möchte, und ob das was man tut, hilft dorthin zu gelangen. Dies gilt in jeden Augenblick neu.

    Für mich ist die Antwort klar: Was mir oder anderen hilft zu wachsen, ist wertvoll. Es ist die Schnittmenge von Spaß und Zweck, die ich idealerweise anstrebe. Wenn man etwas, was einen begeistert mit hoher Intensität tut, dann stellt sich häufig ein Zustand der entspannten Anspannung, des Flows ein, wie es in der Psychologie heißt. Ein Zustand, in dem man genau in der Mitte zwischen Langeweile und Überforderung nah an seinem persönlichen Optimum ist. Dann fällt es einem leicht, etwas gut zu tun, was einem zugleich mehr Energie gibt als es verbraucht. So entsteht Motivation und Energie.

    Der Schlüssel ist die Aufmerksamkeit.

    16.06, über der arabischen Halbinsel.

    Ich liebe Langstreckenflüge. Man gewinnt Abstand. Ist nicht mehr Bürger eines Landes, eines Kontinents, sondern der ganzen Erde. Kann, wenn man Glück hat atemberaubende Schönheit erblicken, weiße Wolkenmeere, schneebedeckte Bergketten, Wüsten, Ozeane und Sonnenuntergänge bei denen die ganze Welt in orange Farbtöne getaucht wird.

    Zugleich erlebt man eines der unglaublichsten technischen Errungenschaften. Eine Maschine, die hunderte von Tonnen schwer und 70 Meter lang und breit, eine unvorstellbare Geschwindigkeit von fast 1000 km/h erreichen kann. Wie schnell das ist, kann man nur wirklich erahnen, wenn man zufällig eine den Weg in einer anderen Flugbahn kreuzende Maschine erblickt. Und das Ganze funktioniert mit Millionen von Starts und Landungen mit nahezu absoluter Perfektion und einer Sicherheit, gegenüber der Spazierengehen lebensgefährlich ist. Weniger als 50 Jahre hat es gebraucht, von den ersten Hüpfern zum sicheren Transatlantik-Passagierflug. Heute, nochmal 50 Jahre später haben sich Qualität und Preis des Angebots um weitere Dimensionen verbessert.

    Fliegen hat auch etwas Unausweichliches. Einmal eingestiegen, gibt es kein Entrinnen. Man kann keine Notbremse ziehen, kein Fenster öffnen, man ist eingeschlossen mit hunderten weiterer Passagiere in einer Aluminiumröhre die unter Druck steht, in einer unwirtlichen, tödlichen Welt mit 20% Luftdruck und -50 Grad Außentemperatur.  Und man ist nicht erreichbar. Kein Anruf muss angenommen werden, keine Email erreicht uns. Es ist ein idealer Platz, um zu schreiben.

    Dort oben bekommen alle Gedanken einen größeren Rahmen. Sie werden eher weiter als enger, und so lassen sich gut größere Pläne schmieden, größere Perspektiven betrachten. Es war mein letzter Rückflug von Indien im Frühjahr diesen Jahres, als sich das Tor zu der Entscheidung bei mir öffnete, mit der Familie länger auf Reisen zu gehen.

    Und für mich ist Fliegen auch immer ein Stück Heimatgefühl. Es war das Flugzeug, dass mich in den Jahren 1975, 1977 und 1978 von Peru zurück nach Deutschland brachte. Lufthansa stellte die Verbindung her, zuerst noch mit der Boeing 707, jenem Pionier der Düsenjetzeit. Es war laut an Bord, viel lauter als heute. Und es gab nur einen Film, meist nicht für Kinder geeignet. Aber es gab schon damals freundliche Stewardessen und Geschenke für die Kinder. Ich bin immer gerne geflogen, zuletzt sogar als „unbegleiteter Minderjähriger“ mit 9 Jahren zusammen mit meinem 11 Jahre alten Vetter von Lima über New York und Frankfurt nach Stuttgart. Deutschland war ein fernes, unwirkliches Land, in dem ich nach der Ankunft auf der Straße das Gefühl hatte zu schweben, weil man so geräuschlos auf der Autobahn dahinglitt.

    Aber mit dem Flugzeug für uns Kinder alleine erreichbar.