Der erste Tag – the first day

Um vier wachen wir auf, die Straßenbahn bringt uns um 6 zum Alexanderplatz. Am Flughafen gibt es im Mövenpick Café eine Stärkung. Wir werden wild über den Flieger verteilt. Und ich komme beim Warten und Fliegen dazu die Kafka Biografie zu lesen, von meinem Lieblingsbiografen Rüdiger Safranski zum 100. Todestag 2024. Ein Vorschlag auf dem neu gekauften Kindle- E-Reader. Eine merkwürdige Faszination habe ich für diesen früh an Tuberkulose gestobenen Autor.

Wo ich doch meist leicht und beschenkt durchs Leben schreite, kenne ich doch wie wohl wir alle diese Albträume der Verwirrungen, Bedrohungen, Ängste und die Versuche mit Ehrgeiz eine Verbindung herzustellen- mit der Welt da draußen. Mit 17, 18, da hatten seine Werk eine enorme tröstende Kraft auf mich ausgeübt, die ich aus der Ferne des erfüllten Lebens jetzt besser verstehen kann.

Es nicht zu wissen wie es geht, das Gefühl kannte ich so genau, und den Reflex des Rückzugs aus  innerer Verunsicherung. Als das Mädchen in der 6. oder 7. Klasse in das ich offensichtlich verliebt war mich wagte zu fragen ob ich mit ihr gehen wollte antwortete ich, völlig überraschend und überfordert: „Das kannst du dir denken!“Ich meinte ja und hatte Angst, sie wollte mich auf den Arm nehmen. Sie verstand nein und es wurde nie etwas zwischen uns. Ich beschwichtige mich- zum Glück hatte ich mir die Blamage und peinliche Bloßstellung erspart nicht zu wissen was man tun sollte oder wissen müsste wenn man mit „jemandem geht“. 

Ich sehe Parallelen- ohne das (Tagebuch)Schreiben wäre mein Leben nicht zu bewältigen, nicht zu verstehen, wäre es auf Treibsand gebaut. Mit dem Schreiben habe ich mir das Fundament erstellen können auf dem ich jetzt lebe- ich bin selbst am meisten erstaunt welche magische Kraft das Wort auf mich ausübt.

Ich habe mich aus Verstandesgründen für eine Profession entschieden, die immer eine Herausforderung war- und ich beschloss gleich im ersten Semester nur die zu meinen Freunde zu machen, die sich wie ich weigerten ein Wort über diese Sache freiwillig zu verlieren. 

Kafka begründete  bei mir diese Einstellung gegen alles zu sein, was da draußen erwartet wurde- weil es eine andere innere Wahrheit gab, der ich folgte. 

Etwa auf der Abifahrt nach Prag. Ich verbrachte meine Zeit allein, auf der Suche nach Kafkas Welt. Ich reiste nachts im Regen mit der Straßenbahn durch das trübe Ostblock-Prag der 80er Jahre, und stieg in heruntergekommenen Treppenhäusern bis zum Dachgeschoss- auf den Spuren des Prozesses. Verirrungen, Verwirrung, mir war nach allein sein.

Da einmal durch gegangen zu sein hilft bis heute, dass ich mit Herausforderungen gut umgehen kann und auch im Dunklen immer eine Wahrheit sehe. Als ich mit 23 meine eigene Tuberkulose bekam, fühlte ich mich auf eine Weise erlöst, aufgenommen in den Club der schwindsüchtigen Poeten, wie Schiller, Novalis und Kafka. Freigestellt von den unerträglichen Verpflichtungen von Arbeit, Familie und gesellschaftlichen Aufstieg.  Wenigstens für eine Weile. Aber ich erlaubte mir diese Perspektive mein Leben lang. 

Auf eine merkwürdige Weise  folge ich auch den Spuren Kafkas, in Spindlermühle stand ich oft auf der Holzbrücke, wo Kafka das Schloss imaginierte, in Berlin-Steglitz fuhr ich täglich durch den Park, durch den er in den späten Jahren spazieren ging. Seine erste Verlobte Felice Bauer wohnte in der Immanuelkirchstraẞe in Berlin, wie ich auch, bis heute. Die AUVA, die Arbeiter-Versicherungsanstalt wo Kafka bis zu seinem Tod mit 41 arbeitete, existiert weiter, ich habe sie in Wien als Berater besucht, mein erster Arbeitgeber war die BG, das deutsche Pendant, und ja ich habe jahrelang für Krankenversicherungen gearbeitet, und kenne das Schicksal des beruflich Reisenden, über das er sich beklagt. 

Im Flieger las ich die Biografie zu Ende, was für ein Luxus. Ich bin wieder außerhalb der Routinen des Alltags, was für eine Freude. 

Istanbul ist groß und chaotisch, die Sonne scheint und empfängt uns strahlend und auf der Bosporusbrücke nach Europa zurück sind wir alle erstaunt vom Anblick von Meer, Stadt und Ambiente. 

In den engen Gassen der Altstadt gelegen, mit Blick auf das Tokapi Serail ist unser Hotel irgendwie nicht verfügbar und wir tragen die Koffer über Steintreppen und historische Stiegen in ein Ausweichquartier , das mir sofort gefällt- es ist offensichtlich alt und man spürt es, aber es hat Charme und wir sind angekommen. 

The first day

We wake up at four, the streetcar takes us to Alexanderplatz at 6. At the airport we have a snack in the Mövenpick Café. We are spread wildly across the plane. And while waiting and flying, I get to read the biography of Kafka by my favorite biographer Rüdiger Safranski on the 100th anniversary of his death in 2024. A suggestion on the newly purchased Kindle e-reader. I have a strange fascination for this author who died of tuberculosis at an early age.

Although I usually walk through life light and blessed, I know, as we all do, these nightmares of confusion, threats, fears and attempts to connect with ambition – with the world out there. At 17, 18, his work had an enormous comforting power on me, which I can now understand better from the distance of a fulfilled life. Not knowing how to do it, I knew the feeling so well, and the reflex of withdrawal out of inner insecurity.

When the girl I was obviously in love with in 6th or 7th grade dared to ask me if I wanted to go with her, I replied, completely surprised and overwhelmed: „You can guess that!“ I meant yes and was afraid she was pulling my leg. She understood no and it never became anything between us. I reassured myself – luckily I had spared myself the embarrassment and embarrassing exposure of not knowing what to do or need to know when „dating someone“.

I see parallels – without (diary) writing, my life would be unmanageable, incomprehensible, built on quicksand. Writing has given me the foundation on which I now live – I am amazed at the magical power the word has on me.

I chose a profession that was always a challenge for reasons of sanity – and I decided in my first semester to only make friends with those who, like me, refused to say a word about it voluntarily.

Kafka established this attitude in me of being against everything that was expected out there – because there was another inner truth that I followed.

For example, on the Abitur trip to Prague. I spent my time alone, searching for Kafka’s world. I traveled by streetcar at night in the rain through the gloomy Eastern Bloc Prague of the 80s, and climbed to the top floor in run-down stairwells – on the trail of the trial. Lost, confused, I felt like being alone.

Having gone through it once still helps me today to deal with challenges well and to always see a truth even in the dark. When I got my own tuberculosis at 23, I felt redeemed in a way, accepted into the club of consumptive poets like Schiller, Novalis and Kafka. Released from the unbearable obligations of work, family and social advancement.At least for a while. But I allowed myself this perspective all my life.

In a strange way, I also follow in Kafka’s footsteps; in Spindleruv Mlyn I often stood on the wooden bridge where Kafka imagined the castle, and in Berlin-Steglitz I drove daily through the park where he used to walk in his later years. His first fiancée Felice Bauer lived on Immanuelkirchstraẞe in Berlin, as I do to this day. The AUVA, the workers‘ insurance institution where Kafka worked until his death at 41, still exists, I visited it in Vienna as a consultant, my first employer was the BG, the German equivalent, and yes I worked for health insurance companies for years, and know the fate of the professional traveler he complains about.

I finished reading the biography on the plane, what a luxury. I’m out of the routines of everyday life again, what a pleasure.

Istanbul is big and chaotic, the sun shines and welcomes us brightly and on the Bosphorus Bridge back to Europe we are all amazed by the sight of the sea, the city and the ambience.

Located in the narrow streets of the old town, with a view of the Tokapi Seraglio, our hotel is somehow unavailable and we carry our suitcases up stone steps and historical staircases to an alternative accommodation that I immediately like – it is obviously old and you can feel it, but it has charm and we have arrived.


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Kommentare

Eine Antwort zu „Der erste Tag – the first day”.

  1. Avatar von happily26470f6216
    happily26470f6216

    Danke lieber Leander, das Du mir eine extra Ma

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